Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1889)
- Date
- 1889-10-24
- Page
- Seite 675 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227815--46592-3266165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
675 Angriff gegen die „Nationalzeitung" weil diese auf Stöcker geschmäht und ihn für schädlicher im Reichstage als die Socialdemokratie erklärt hatte — denn die letztere steht isolirt im Reichstage, während Stöcker die Conservativen hinter sich hat. Cs war leicht, die Nationalzeitung zu erinnern, daß Stöcker nur durch die Nationalliberalen in den Reichstag gewählt wurde. Ferner hielten die Antisemiten am 14. Abends eine Versammlung, allerdings ohne Stöcker und Wagner, aber mit — Böckel! Sie betonten ihre Selbstständigkeit der „Kaiserlichen Erklärung" gegenüber. Da sie früher Stöcker den „zweiten Luther" genannt, so feierten sie Böckel als „zweiten Hermann der Cherusker"! Die arme Clio! Zudem möchten wir doch den Varus sehen, der sich von Böckel überwinden ließe. — Die „Franks. Ztg." läßt sich diesbezüglich schreiben: „Herr Stöcker und Herr v. Hammerstein werden vielleicht in nächster Zeit noch manche trübe Erfahrung mit der Treue ihrer Freunde machen, das eigentliche Exempel kommt aber erst bei den Wahlen. Eine besondere Rolle spielen inzwischen die „reinen Antisemiten", die auf Liebermann und Böckel schwören und Herrn Stöcker längst über Bord geworfen haben. Sie werden auf eigene Faust Vorgehen, was ganz wünschenswerth ist, damit man endlich einmal ihre Zahl kennen lernt. Herr Stöcker hat auch von ihnen Undank geerntet und sein Blatt, das „Volk", klagt jetzt, daß „schlechte Mittel" und „ungeeignete Personen", „Rohheit und unlautere Existenzen" in der antisemitischen Bewegung ihr Wesen getrieben und sie dadurch geschädigt haben. Das ist richtig, es ist sogar sehr milde ausgedrückt. Namhafte Führer der Berliner Judenhetze sind bürgerlich gescheiterte Existenzen, Catilinarier schlimmster Art, die ihrer persönlichen Ehre längst offiziell verlustig gegangen sind; manche sind ins Dunkel verschwunden, manche treten noch mit kecker Stirn an die Oeffentlichkeit. Wir haben das vor Jahren oft und deutlich genug ausgesprochen, Herr Stöcker hat sich nicht darum gekümmert, aus dem einzigen Grunde, weil es seine jüngeren Anhänger waren, und vielleicht auch, weil er in bescheidener Selbsterkenntniß sich nicht zum Richter über sie berufen fühlte. Erst jetzt, nachdem er Undank von ihnen erntet, kommt sein Leiborgan zur Einsicht über den Charakter der Offiziere, mit denen Herr Stöcker in Berlin seine unrühmlichen Schlachten geschlagen hat. Vom Rhein, 13. October. Dieser Tage war in den nationalliberalen Blättern zu lesen, die nationalliberale Partei werde in Siegen wie anderswo sich dem Plane, Hrn. Stöcker! wieder einer Sitz im Reichstage zu schaffen, mit aller Kraft widersetzen. Jetzt aber schreibt man der „Köln. Ztg.": „Ob im Kreise Siegen-Wittgenstein-Biedenkopf die Nationalliberalen den Hofprediger Stöcker, welcher dort wiederum zu candi-! diren gedenkt, sofort wählen werden, ist noch sehr zweifelhaft.! Von nationalliberaler Seite ist mit Recht angeregt worden,! einen eigenen Kandidaten aufzustellen." Also, wenn nicht sofort, so doch bei einer Stichwahl — das wird auch für Stöckers Bescheidenheit schon reichen. Bei der Stadtmission war's auch so, die Bennigsen und Miquel kamen erst hinterdrein und zwar, wie jetzt verrathen worden ist, auf Veranlassung des Mannes, dessen Wunsch ihnen Befehl ist, Herr Stöcker aber verhöhnte nachher diesen Cartellvorspann zu seinem Werke. (Es war eine Zeit, wo die Wahl Stöckers in den Reichstag für uns einen gefährlichen Charakter trug; diese Zeit ist vorüber, und es ist uns gleichgültig, ob Stöcker von denselben Siegen'schen Nationalliberalen (?!) gewählt wird oder nicht. Seine Stellung im Reichstage ist eine sehr indifferente, so daß zwar sein Platz durch einen besseren besetzt sein könnte, ohne daß jedoch seine Anwesenheit irgend welchen Schaden anrichtet. Redact.) Straßburg, im October. Seit langer Zeit bestand hier eine Spaltung zwischen dem Consistorium und der Gemeinde einerseits und einer Anzahl Mitglieder, meist Zuzügler vom Lande, welche eine Separatgemeinde bildeten. Jetzt kommt die erfreuliche Kunde, daß der Streit ausgeglichen und unter Anderem jenen Separirern der Mitgebrauch des jüdischen Friedhofes bewilligt worden, der ihnen bis jetzt versagt war. Oesterreich-Ungarn. Wien, 10. October. Ter Magistrat hat heute über den seiner Zeit vom Antisemiten Vetter im Gemeinderathe gestellten Antrag auf Einsetzung einer Commission, welche den in der Talmud-Thora-Schule nach dem Schulchan-Aruch ertheilten Religionsunterricht hinsichtlich der in diesem Buche niedergelegten moralischen Grundsätze und Sittenlehren zu prüfen hätte, berathen und auf Abweisung des Antrages erkannt. Wien, 15. Oet. Man schreibt der „Voss. Ztg." von hier: Die „Vereinigte deutsche Linke" unseres Abgeordnetenhauses ist bestrebt, einen alten Fehler gut zu machen und das von den demokratischen und nationalen Antisemiten arg unterwühlte Niederösterreich zurück zu gewinnen. Um die nächsten Wahlen vorzubereiten, haben sich in allen Bezirksstädten Niederösterreichs Bürgervereine gebildet, welche der antisemitischen Agitation entgegentreten und durch öffentliche Versammlungen auf die Wähler einwirken. Einer solchen fest-! lichen Versammlung in St. Pölten folgte gestern eine im nahen Baden, bei welcher wieder die Abgeordneten Sueß, Kopp u. s. w. das Wort führten. Der Bezirk Baden wird derzeit von dem Antisemiten Fiegl vertreten, welcher soeben j von Schönerer und Türk gelyncht wurde. Fiegl ist schon! heute ein politisch todter Mann und wird gewiß nicht mehr > gewählt. Nun handelt es sich aber darum, das Terrain jenem