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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-10-17 · Heft 42 (17.10.1889) · p. Seite 667

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 42 (17.10.1889)
Date
1889-10-17
Page
Seite 667 (sequence 15)
Language
German
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667 Auge nach oben richtete und dann erst zum Schlosse zurückkehrte. Am Tage sah er verstört aus und mochte den Silberring nicht mehr tragen. Kurt Dietrich v. Quitzow war sechszig Jahre alt, als er mit seinem einzigen Sohne Philipp, und zwar auf dem weiten Waldreviere, das sich von Sterbitz bis Brentz zieht, eine Jagd abhielt, zu der man den ganzen Adel der Umgegend geladen hatte. Reiche Beute wurde gewonnen, und als die Sonne niederging, zogen alle nach der Eldenbnrg zurück, um daselbst einen Nachttrunk einzunehmen. Beim ersten Freihofe von Seedorf war eine Furt und als man drüben an der andern Seite der Elde hielt, schlug Kurt Dietrich vor, unmittelbar am Fluß hin, unter hohen Bäumen und Schilf und Rohr zur Seite, den Rest des Weges zurückzulegen. Und siehe da, während er noch so sprach, war man bis auf 100 Schritt an einen hoch in Schilf stehenden Sumpf gekommen, den die nicht länger mehr in Zucht und Ordnung gehaltenen Hunde sofort umspürten und umwitterten. Philipp v. Quitzow eilte so rasch wie möglich den Hunden nach, um zu sehen, was es sei, und ward alsbald einer Wildsau gewahr, die sich mit klaffendem Rachen und glühenden Augen vor ihm aufrichtete, wenig bekümmert um die Rüden, die von allen Seiten her auf das Thier losfuhren. Philipp, einigermaßen erschreckt, suchte den Rest der Jagdgesellschaft wieder auf und erzählte, was er gesehen. Als er bei seiner Rückkehr aber verhöhnt und ein Feigling gescholten wurde, lief er in Aufregung nach der Sumpfstätte zurück, zog sein Waidmesser und stürzte sich auf das Wildschwein. Dabei glitt er zu seinem Unheil aus und wäre verloren gewesen, wenn ihm nicht der rasch hinzueilende Vater das Waidmesser aus der Hand gerissen und den Kampf mit dem Thiere nun seinerseits ausgenommen hätte. Des Alten Absicht ging ersichtlich dahin, dem Wildschwein die Faust in den Rachen zu stoßen und das Messer dabei so zu halten, daß das Thier beim Zuschnappen die Klinge sich in den Schlund pressen mußte; leider aber mißlang das Wagniß, das Messer glitt seitwärts und die vorderen Zähne des Schweines zermalmten furchtbar des Ritters Hand und Arm. Was half es, daß sich inzwischen die ganze Jagdgesellschaft herangedrängt und den Alten aus seiner mißlichen Lage befreit hatte? Die rechte Hand bildete nur noch einen unförmigen Stumpf und der Silberring war fort. In tiefer Niedergeschlagenheit legte man die letzte Strecke des Weges zurück und bettete den Alten auf sein Lager. Hier litt er unsäglich und als der andere Morgen da war, befahl er, einen Priester aus Lenzen zu holen. Und nun war es just wie damals, wo der Vater ihm und seinem älteren Bruder seine Sünde bekannt hatte. Denn kanm, daß der Priester erschienen, so mußte der Sohn mit hinzutreten und hörte nun die Beichte von dem Brudermord. Die Nacht darauf aber, als er mit seinem Sohne Philipp allein war und wohl fühlte, daß es zu Ende gehe, schob er sich in die Kissen höher hinauf und sagte: „Ja, Philipp, die Wildsau, das war der Teufel. Ich Hab' es deutlich an den Gluthaugen und an dem heißen Athem gespürt. Und der Ring ist hin. Und ist auch gut so. Denn der Name der „Quitzow's mit dem Silberlinge" hatte keinen guten Klang mehr, seitdem ihn erst mein Vater und danach ich selber entwürdigt hatte. So entweiht, hätte der Silberring unserem Geschlechts keinen Segen mehr gebracht." So starb er. Von dem ganzen Geschlechte giebt jetzt nur noch das Pfarrhaus zu Seedorf Zeugniß, welches es erbaut hatte. Nachtrag. Deutschland. Frankfurt a. M., 8. Sept. Aus dem „Kaufmännischen Verein" berichtet die „Frkft. Ztg.": „Polnische und russische Juden", so lautete das Thema des Vortrages, den Herr Professor Caro aus Breslau heute im kaufmännischen Vereine hielt. Derselbe war mehr eine Entwickelungsgeschichte des Judenthumes in den slavischen Ländern, als, wie man nach der Fassung des Themas hätte vermuthen können, eine Schilderung der heutigen Zustände in dem „europäischen Ghetto". Zunächst trat der Vortragende der Legende entgegen, die das besonders zahlreiche Vorkommen der Juden in den slavischen Ländern — sie machen fast die Hälfte der ganzen Judenschaft der Welt aus — durch die besondere Toleranz der slavischen Rasse zu erklären versucht. Im Gegentheil, sie wurden hier ebenso geschunden und verfolgt, wie in den westeuropäischen Staaten. Die große Zahl der Juden in slavischen Ländern erklärt sich vielmehr daraus, daß hier zwei große Wanderströme zusammen trafen. Der Eine kam mit den zahllosen Völkerwellen, die sich seit dem vierten Jahrhundert an der Ostküste Europas brachen, der Andere war der Begleiter der germanischen Kolonisten, die vom 11. Jahrhundert ab nach Osten vordrangen und mitten in slavischen Landen sich ihre Siedelstätten mit eigener Verwaltung und Gerichtsbarkeit schufen. Diese beiden Ströme verschmolzen im Laufe der Zeit zu einem Ganzen, dessen Sprache jenes groteske Deutsch wurde, das uns so eigenartig berührt, wenn es einmal unser Ohr trifft. Als die deutschen Siedler dann unter dem Drucke slavischer Willkür ihre Nationalität und Sprache einbüßten, kamen die Juden, die bisher mit ihnen in enger Gemeinschaft gelebt hatten, in nähere Berührung mit dem Slaventhum. Und seit dieser Zeit erst datirt ihr Niedergang und ihr Verkommen. Denn, wenn sie auch durch den Druck zu engerem Zusammenschließen genöthigt wurden, so hat doch erst die Berührung mit dem lasterhaften Sarmatenthum den Geist

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