Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1889)
- Date
- 1889-10-17
- Page
- Seite 666 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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666 fehl dazu gab, trat die Judentochter wieder ins Schloßthor, mit ihr zwölf hebräische Männer, und die Tochter hielt dem Quitzow die hundert Goldgulden entgegen. In seiner Angst ober wies er das Geld ab und nahm seinen Weg nach dem Thurm hin und stieg die Leiter hinauf, um jetzt den Alten von seinem Stuhl herabzunehmen. Als er aber auf der obersten Sprosse war, vernahm er drinnen in der Thurmstube die Worte: „Höre, Israel, der Herr unser Gott allein ist Gott" und als Kuno Hartwig bei diesen Worten von der Leiter her abwärts blickte, nahm er wahr, daß die Juden, die mit ihm zugleich in den Thurmflur eingetreten waren, auf die Diele niederknieten und den Gesang ihres Rabbi beantworteten. Und nun öffnete Quitzow die Thür und sah den Alten, dessen Augen ihn anfunkelten. „Ich, der Herr dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsuchet der Väter Missethat an den Kindern..." Bis dahin kam der Sterbende. Dann lösten ein paar herbeigerufene Knechte die Leiche des Rabbi aus der Klemme und übergaben sie den Juden, die nun wehklagend ihren Heimzug nach Dömitz Hill antraten. Tie hundert Goldgulden aber hatte die Tochter dem Quitzow vor die Füße geschleudert. Quitzow winkte seinen Leuten, daß sie das Geld für sich nähmen. Er selbst aber ließ keinen Juden mehr in die Klemme setzen und nahm keinen Wegezoll mehr. In einem Alter von vierzig Jahren vermählte sich Quitzow mit einer Verwandten, der schönen Adelheid v. Quitzow. Aus dieser Ehe stammten zwei Söhne, ein Zwillingspaar, Hans und Kurt Dietrich genannt. Als nun Kuno Hartwig zu sterben kam, rief er seine Söhne und erzählte ihnen, weil er sein Gewissen befreien wollte, daß er in seiner Jugend ein großer Sünder vor Gott gewesen sei, indem er den flüchtigen, sein Schloß passirenden Juden einen schweren Wegezoll abgepreßt habe. Sodann setzte er beide zu Erben der Eldenburg ein und gab dem Aelteren den Quitzow-Ring als Talisman und Zeichen der Herrschaft zugleich, welcher sich durch zwei Jahrhunderte hin von Geschlecht zu Geschlecht weiter vererbt hatte. Die Zwillinge lebten sorglos in den Tag hinein, vor allem der Jüngere, der zur Verschwendung neigte, was dem Aelteren endlich Veranlassung gab, ihm Vorhaltungen zu machen. Das verdroß aber den jüngeren Kurt Dietrich und böser Neid begann sich in seiner Seele festzusetzen. Wie, wenn ihn schließlich der Bruder, der Erbe des Ringes, kraft dieses Herrschafts- und Besitzzeichens von der Eldenburg einfür allemal vertriebe? Vielleicht unter dem Vorwände, zu viel Geld vergeudet oder es in diesem oder jenem zu toll ge trieben zu haben? Das durste nicht sein, nnd diesen und ähnlichen Grübeleien hingegeben, kam ihm ein teuflischer Plan. Ein Jahr mochte seit des Vaters Tode vergangen sein. Beide saßen beim Frühmahle, die Knechte waren nach dem Priemerwald auf Arbeit geschickt, während die Mägde mit der Schaffnerin bei der Wäsche waren. Kurt lenkte das Gespräch auf den Vater und sagte: „Ja, die Judenklemme. Warum uns der Vater dies nützliche Werkzeug nur immer verborgen gehalten hat! Wir sollten einmal hinaufsteigen und uns das Ding ansehen." Hans, der ältere, war es zufrieden und so kletterten sie die Leiter bis in das Thurmgemach hinauf. Hier oben überkam sie momentan ein Grausen beim Anblick der Klemme, bis sich Kurt, der Anwandlung Herr werdend, nach einer Weile lachend auf das Hufeisen setzte: „Schön sitzt sich's nicht darauf! Die Hispanischen haben es wirklich verstanden, die Juden zahlungslustig zu machen. Willst Du's nicht auch einmal versuchen?" Hans ging auf den Scherz ein. „Warum nicht?" Und er setzte sich hinein, preßte selbst das Quereisen über die Knie und schob das Schloß vor die Oese der Stange. Gleich darauf aber sprang Kurt in scheinbarer Ausgelassenheit hinzu, befestigte die gespreizten Arme des Bruders an der Hinterwand und nestelte ihm die Ketten von beiden Seiten her um den Leib. Und dabei zog er verstohlen den Schlüssel aus dem Schloß der Querstange. Nun gab es ein Lachen über den „Juden in der Klemme", bis Hans, des Probirens müde, wieder aufzustehen begehrte. „Gewiß, gewiß. Aber wo ist nur der Schlüssel?" Und nun begann Kurt zum Schein am Fußboden zu suchen. „O?er sollte ich ihn unachtsamenveise mit dem Fuße bei Seite geschoben haben? Vielleicht daß er unten liegt?" Und bei diesen Worten stieg er hinab und nahm die Leiter und versteckte sie hinter Strauchwerk und Gebüsch und horchte, bis das leise Wimmern, das er vernahm, ihn von seiner Horcherstelle vertrieb. Endlich, den dritten Tag, war Hans seiner Qual erlegen und Kurt streifte kaltblütig den Silberring von der Hand des Todten, den Todten selbst aber begrub er im Sande nahe dem Thurm. Und nun ließ er Boten ausreiten, die nach dem Verschwundenen suchen mußten. Als aber alle wieder daheim waren und den so noch im Sande Verscharrten auf ihrer Suche nur zu gewiß nicht gefunden hatten, that er was äußerlich Rechtens war und meldete dem Churfürsten, daß der Bruder spurlos verschwunden, des Verschwundenen Silberring aber in seiner Lade gefunden sei. Da wurde denn Kurt Dietrich der Jüngere mit der Eldenburg belehnt und empfing in einem feierlichen Belehnungsacte den Quitzowring. Aber auch ihn erreichte bald die alles rächende Vergeltung. Bald bemerkte man bei ihm ein ruheloses unstätes Wesen, welches sich Tag und Nacht bei ihm zeigte. In der Nacht erhob er sich von seinem Lager und ging auf dep Thurm zu, vor welchem er stehen blieb, das geschlossene