Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1889)
- Date
- 1889-10-03
- Page
- Seite 629 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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629 überreichte. Hierauf verlas der Secretär die Adresse der Mitglieder des „Trud", die mit zahlreichen Unterschriften bedeckt war. Diesem folgte eine sinnige und kernige Ansprache des Rechtsanwalts Brodsky. Hierauf erschienen die Lehrer mit einer Adresse, die vom Leiter der Schule verlesen wurde; zugleich übergaben dieselben dem Jubilar ein Exemplar von Goethe's „Faust" in russischer Uebersetzung' und prachtvoller Ausstattung; dann kam eine Deputation der früheren und jetzigen Schüler mit einer sehr schönen! und herzlichen Adresse. Der Jubilar, tief bewegt und zu j Thräuen gerührt, erwiderte passender Weise, daß Dank seinen! Mitarbeitern die Anstalt zu dieser Blüthe gediehen sei. —j Gerade um 2 Uhr, nach Ankunft Sr. Excellenz des Stadt-! Hauptmanns Contre - Admiral Seleny, des Bürgermeisters j Geheimralh Marasly, sämmtlicher Stadträthe, vieler christj tichen Stadtverordneten und eines sehr distinguirten Publii kums wurde die Feier eröffnet. Der Vorsitzende des Comites begrüßte in warmen Worten die zahlreiche Versammlung und erstattete Bericht über die Thätigkeit desselben. Inzwischen! bewegte sich in feierlichem Zuge Obercantor Blumenthal, die! oben erwähnte Thora in reichem Schmuck tragend, assistirt von Delegirten des Vorstandes und des Comites, umgeben von einigen Lehrern und mehreren Zöglingen der Anstalt. Hierauf wurde das Gebet für das Heil Sr. Maj. unseres allergnädigsten Kaisers und Herrn, Alexander III. und seiner erhabenen kaiserlichen Familie in erhebender Weise vorgetragen. Hierauf betrat der Vorsitzende des „Trud", Rechtsanwalt Morgulies, die Rednerbühne und gab in gedrängter Kürze eine geschichtliche Uebersicht über die Thätigkeit desselben im Laufe des verflossenen Bierteljahrhunderts. Der Secretär verlas die eingelaufenen telegraphischen und schriftlichen Glückwünsche, unter denen zu erwähnen sind: die von den Gemeinden Grodno, Kischineff, des Minsker Rabbinates, der dortigen Handwerkerschule, von der „Petersburger Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden", vom berühmten Dr. Harkavy unterzeichnet, von Prof. Nicolai Bakst, Baron Horaee von Günzburg aus Dinard, in französischer und hebräischer Sprache abgefaßt, Baron Witte aus St. Petersburg, Banquier Dinin aus Wiesbaden, vieler gewesener Zöglinge, von Dr. Portugalow aus Samara und noch viele Andere. — Ein früherer Schüler, der Ingenieur- Mechaniker Morgulies, hielt eine kurze Ansprache an die jetzigen Zöglinge und forderte sie auf, tüchtig zu lernen und sich zu Meistern heranzubilden, und dankte schließlich der Anstalt, wo er seine Erziehung genoß. — Mit dem Vortrage der Nationalhymne in russischer Sprache, welche die sämmtliche Versammlung stehend anhörte, wurde die erhebende Feier beschlossen. Jetzt wurden die hohen Vertreter der Administration und die geladenen Gäste aufgefordert, sich hinauf zu bemühen, wo man Erfrischungen reichte. — In den unteren Räumen wurde den Schülern und Meistern ein Frühstück servirt. — So schloß diese schöne Feier, die gewiß bei Jedem eine angenehme Erinnerung zurückließ, und wünschen wir vom Herzen, der „Trud" möge gedeihen, blühen und wachsen und daß das 50jährige Jubiläum in gleicher Weise begangen werde! Dies walte Gott! L. T. Bukarest, 20. Sept. In den letzten Tagen haben sich über tausend Israeliten aus Odessa nach Amerika eingeschifft. Bonn, 29. September (Notizen.) Im Seebad Cranz verstarb am 15. d. M. Prof. Julius Jakobson, der Königsberger Ordinarius der Augenheilkunde. Er war einer der ältesten Schüler von Albrecht von Graefe und schritt auf dem von diesem angetretenem Pfade fort. Er hat durch eine beträchtliche Reihe von Einzelstudien und Beobachtungen seinen Theil dazu beigesteuert, die Augenheilkunde zu einer selbstständigen Wissenschaft auszugestalten. Die wichtigsten seiner Forschungen galten der Lehre der Diphtheritis, der Augenbindehaut, der Entzündung der Retina, den Operationsmethoden des Staares, der Lehre vom Glaukom u. a. m. Besonders zu nennen ist noch Jacobson's Studie über die Beziehungen von allgemeinen Leiden und Organerkrankungen zu den krankhaften Veränderungen des Auges, eine Untersuchung, in welcher er die Einfachheit der medizinischen Wissenschaft mit praktischen Hinweisen verficht. Jacobson's Lehrthätigkeit ist ausschließlich der Königsberger Universität zugute gekommen. Er wurde dort 1857 Privatdozent, 1859 außerordentlicher und 1872 ordentlicher Professor. Der Unterricht in der Augenheilkunde in Königsberg ist in seiner aufsteigenden Entwickelung ein Werk von Jacobson; er machte den augenärztlichen Unterricht in Königsberg aus einem Anhängsel des chirurgischen zu einem werthvollen und selbständigen Gegenstände der Unterweisung. Jacobson, der 61 Jahre alt geworden ist, entstammt einer Königsberger Aerztefamilie. Sein Vater Ludwig Jacobson war ein geschätzter ausübender Arzt und hat sich auch als chirurgischer Schriftsteller mit Erfolg bethätigt. Ein älterer Bruder von ihm, Heinrich Jacobson, ist Professor der klinischen Medizin in Berlin und Leiter der innern Abtheilung des jüdischen Krankenhauses. — Aus Ratibor wird uns vom 20. September geschrieben: Gestern wurde unser neuer Rabbiner Herr Dr. Adolph Blumenthal feierlich in sein Amt eingeführt. Es geschah in einer gottesdienstartigen Versammlung in dem interimistischen Betsaal. Der Synagogenchor unter Leitung des Cantor Rosenthal führte Gesänge in trefflicher Weise aus; der Vorsitzende des Repräsentanten-Collegiums, Stadtrath Tarlau, hielt an den von der Gemeinde gewählten jungen Rabbiner eine treffliche Ansprache, worauf dieser in einer ergreifenden Rede ent- 40