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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-09-12 · Heft 37 (12.9.1889) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 37 (12.9.1889)
Date
1889-09-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteltährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,6V M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Dann. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an Vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 12. September 1889. Nr. 37. Inhalt. Leitende Artikel: Die Orthodoxie in Ungarn. — Utopieen der römisch-klerikalen Partei. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Breslau, Bochum. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Aus Ungarn. — Belgien: Antwerpen. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rußland: Warschau. — Asiatische Türkei: Bagdad. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Neuhebräische Gedichte. Nachtrag: Frankfurt a. M. — Odessa. Bonn, 8. September. Die Orthodoxie in Ungarn. In keinem Lande der Welt hat die sog. Orthodoxie im Schoße der Judenheit eine so tief gehende und von so traurigen Wirkungen begleitete Spaltung hervorzebracht wie in Ungarn. Denn wenn auch in Preußen und Hessen zu Derartigem vermittelst des Austrittsgesetzes ein Versuch gemacht worden, so kann dieser doch als gescheitert angesehen werden, denn die kleinen Separatgemeinden in Frankfurt, Wiesbaden, Karlsruhe und Mainz bilden einen so verschwindenden Bruchtheil, daß sie für das große Ganze nicht in Betracht kommen. Im Lande unbedingter Religionsfreiheit, in der nordamerikanischen Union bestehen orthodoxe und reformistische Synagogen, letztere sogar in extremem Maße, friedlich nebeneinander und reichen sich in gemeinnützigen und wohlthätigen Werken brüderlich die Hand. In Ungarn aber ist die Sache so weit gediehen, daß eine Anzahl orthodoxer Rabbiner eine Erklärung erlassen hat, die wir hier entschieden zurückweisen müssen. — Man weiß, wie dies Alles gekommen. Die ungarische Regierung hatte in der besten Absicht frei gewählte Delegirte aller Gemeinden zu einem Congresse zusammenberufen, nicht etwa um die Autonomie der Gemeinden oder gar die freie Religionsübung zu beschränken, sondern um eine einheitliche Organisation für die gemeinsamen Angelegenheiten der Judengemeinden zu bewirken, da innerhalb dieser völlig chaotische Zustände bestanden. Aber sie traf dabei auf einen heißen Boden. Es gab und giebt Landstriche in Ungarn, in welchen die Bewohner, namentlich die Juden, von der Cultur noch wenig berührt worden, und noch völlig auf dem mittelalterlichen Boden standen und stehen. Diese waren durch herumwandernde Schwärmer erhitzt, durch fanatische Rabbiner angestachelt worden, welche ihnen jeden Schritt zur Cultur als den Untergang der Religion bezeichneten. Als daher der Congreß dazu schritt, den Entwurf eines Organisationsplancs zu diskutiren, bei welchem er die möglichste Schonung und Berücksichtigung der Orthodoxie beobachtete, trennten sich von ihm die orthodoxen Delegirten und protestirten gegen alle Beschlüsse. Der Congreß ließ sich dadurch nicht stören, sondern beendete in parlamentarischer Ordnung den Organisationsplan, welchen die gesetzgeberischen Instanzen sanctionirten. Da aber Regierung und Reichstag keinerlei Zwang ausüben wollten, bestätigten sie auch das Verlangen der Orthodoxe», separate Gemeinden zu bilden. In Folge dessen erstanden in Ungarn dreierlei Gemeinden: Congreßgemeinden, orthodoxe und statns guo-Gemeinden, welche letztere in ihrem bisherigen Zustande verbleiben wollten. Selbstverständlich giebt es Orte, wo die jüdischen Bewohner eine dieser Arten von Gemeinden bilden, andere, in welchen zwei oder drei solcher Gemeinden nebeneinander bestehen, jede mit ihrem Heere von Beamten. Hierdurch werden nicht allein die Kräfte der Gemeinden zersplittert und unnütz consumirt, sondern es entstehen auch mancherlei Reibungen und persönliche Streitigkeiten, die sich bis in den Schoß der Familien hinein erstrecken. Was für die Regierung einen besonderen Anstoß verursachte, 37

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