Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1889)
- Date
- 1889-09-05
- Page
- Seite 571 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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571 Lehrerbildungsanstalt in Hannover geschehe von Seiten unserer Casse nach außen hin nicht genug. Referent fordert die Mitglieder auf, in ihren Gemeinden sowohl, wie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die Casse Propaganda zu machen und giebt Mittel und Wege an, wie dies zu geschehen sei. Ferner spricht er den Wunsch aus, der Vorstand möge, wie es bei den meisten ähnlichen Cassen zu geschehen pflegt, alljährlich einen gedruckten Rechenschaftsbericht, in welchem die Namen derjenigen, die sich durch Zuwendungen um die Casse verdient machten, verzeichnet sein sollen, erscheinen lassen; dadurch würde in mancher Gemeinde ein bedeutend größeres Interesse für die Casse erwachen. Nachdem von mehreren Mitgliedern der Casse die verschiedensten Vorschläge zur Aufbesserung der finanziellen Läge derselben gemacht worden waren, wurde schließlich auf Antrag des Herrn Or. Guttmann folgende Resosution angenommen : „Es mögen seitens des Vorstandes in den einzelnen Gemeinden Delegirte ernannt werden, die „es sich zur Aufgabe machen, regelmäßig beitrag- „zahlende Mitglieder in ihrer Gemeinde zu werben." Aus der Generalversammlung der Unterstützungscasse ist besonders hervorzuheben, daß laut erstattetem Bericht in den abgelaufenen Verwaltungsjahren 1867 und 1888 die Einnahmen 12,241 M. 48 Pf. betrugen, während an Unter-, stützungen 11,173 M. 98 Pf. verausgabt wurden. Man überwies somit 1009 M. 79 Pf. dem unangreifbaren Fonds, welcher nun eine Höhe von 44,77t M. 85 Pf. erreicht hat. Der Vorsitzende Herr Pr. Gronemann, hebt mit Bedauern hervor, daß die Casse nicht wie bisher zwei Drittel, sondern nur die Hälfte der Pension zu zahlen im Stande war. Der Grund hierfür liege eines Theils darin, daß in den letzten Jahren die Empfänger der Pensionen sich mehrten, andern Theils aber in der Lauigkeit der Gemeinden der Casse gegenüber. Der Vorsitzende macht nun den Vorschlag, eine Aenderung der Statuten dahin vorzunehmen, daß die Elementarlehrer, denen die gesetzliche Pension zusteht, auf einen Theil der Pension verzichten sollen, damit die Religionslehrer, denen keine gesetzliche Pension zustehe, die ihnen laut Statut zukommende Pension aus der Unterstützungscasse beziehen können. Diese Statutenänderung wird jedoch auf die nächstjährige Versammlung vertagt. Somit ist die Tagesordnung erledigt. Vermischtes. Einigen Bemerkungen unserer Correspondenten sei hier ein Plätzchen gegönnt. So tief auch die Wirksamkeit einer Religion geht, so besitzt sie doch nicht Widerstand genug gegen die Sitte und den Culturstand des Volkes. So berichten uns gewissenhafte Reisende von den Bewohnern des Pelaponnes, wie tief dort die Stellung der Frauen sei. Nicht allein, daß sie in völliger Unwissenheit aufwachsen, sie dürfen z. B. auch nicht mit den Männern essen, sondern haben die Speisereste, welche die Männer übrig lassen, in irgend einem Winkel zu verzehren; die Mütter sind den Söhnen von Kindesbeinen an untergeordnet, haben deren Befehle auszuführen, wobei es sich oft um die niedrigsten Dienste handelt. Wie sehr sticht dies von der Stellung des Weibes bei den Israeliten ab, wo die Frauen an den öffentlichen Ereignissen schon am rothen Meere den regsten Antheil nahmen, sie als Prophetinnen und Richterinnen auftraten, die Ehrfurcht vor der Mutter der vor dem Vater vom Gesetze gleichgestellt, ja an einigen Stellen vorangesetzt wird, und wo die Wittwen als unter der besonderen Obhut der göttlichen Vorsehung stehend angesehen wurden. — Der religiöse Jndifferentismus, der jetzt unter den Juden so sehr grassirt, wird vielfach besprochen. Die Einen möchten ihn leugnen, die Anderen übertreiben ihn. Jndeß macht er sich doch öfters fühlbar. In einem vielfach besuchten Badeorte steht nicht weit vom Kurhause auf einer Waldlichtung eine schöne Capelle, in deren unteren Räumen der katholische, in den oberen der protestantische Gottesdienst sonntäglich abgehalten und von den Gästen stark besucht wird. Nun ist es Thatsache, daß mindestens die Hälfte der ausländischen Gäste der jüdischen Religion angehören. Für sie ist keine gottesdienstliche Stätte bereitet. Warum? weil sie das Verlangen danach dem überaus gefälligen Wirthe niemals zu erkennen gegeben haben. Dazu hält sie eben der Mangel an religiösem Bedürfniß nicht an; vielleicht auch, weil viele jüdische Individuen ihre Abstammung nicht gern bekennen. Schön ist dies keinesfalls. — W. Selig, Schriftführer.