Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1889)
- Date
- 1889-08-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unMtciisches Organ siir Mrs jüdische Jntercffe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Denn. Krpedition: Leipzig, Kospitakflraße 2. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 22. August 1889. Nr. 34. Jabalt. Leitende Artikel: Ueber den Talmud. II. — Ueber den religiösen Zustand des Volkes Israel nach dem babylonischen Exil. — Der Krieg der Hetzcapläne. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Karlsburg, Kruman, Aus Mähren. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Bern. — Rumänien: Jassy. — Großbritannien: London. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Correspondenz. Bonn, 18. August. Ueber den Talmud, ii. Dem zweiten Theile seiner Abhandlung giebt Arstzne Darmesteter die Ueberschrift „Formation des Talmuds, Geist dieser Formation". Ex setzt diesem Theile eine Einleitung voran, welche einen leicht mißverständlichen Gedanken entwickelt. Er sagt: „Der wesentliche Charakter jeder geoffenbarten Religion ist die Unveränderlichkeit. Bei der Behauptung, im absoluten Besitz der Wahrheit zu sein, vermag eine solche nicht zuzulassen, daß sie sich verändere nach Maßgabe der Zeiten und nach dem Gange der menschlichen Ideen in ihrer nach einander folgenden Umgestaltung. Denn die von Gott gekommene Wahrheit ist unveränderlich. So gut wie der Katholicismus, erklärt das Judenthum laut, daß die Religion die lange Reihe der Jahrhunderte hindurch keine Veränderung erlitten habe. So wie sie Moses offenbart worden, so habe sie sich bis auf unsere Tage erhalten, geschützt vor dem Einflüsse der Zeiten und der verschiedenen Civilisationen. Seine Entwickelung und seine Bereicherung sind nur logisch gewesen. Sie waren eingeschlossen im Keime in dm auf dem Sinai gegebenen Principien und Moses, indem er vor sich die Zukunft der Nation und der Religion, welche er gründete, sich entrollen sah, konnte mit einem einzigen Blick die unermeßliche und stets gleichartige Verkettung der Gesetze und der Doctrinen umfassen. Nun hat das Judenthum seinen Ausdruck im Talmud, der nicht eine ferne Inspiration und ein abgeschwächtes Echo des Judenthums ist, sondern in welchem es sich verkörpert hat, wo es Gestalt angenommen, um aus der Abstraction aus den Boden der reellen Dinge zu gelangen. Das Studium des Judenthums ist daher das des Talmuds, wie das Studium des Talmuds das des Judenthums ist. Sie sind unzertrennlich, oder vielmehr ein und dieselbe Sache. Unter dem Talmud darf man hier nur die Halacha verstehen, denn die Hagada enthält nur Legenden, Fabeln, die ganze poetische Literatur der Midraschim. Man muß sich daher allein an die Halacha halten, wenn man den Talmud verstehen will. In ihr hat sich das Judenthum verkörpert." — Diese ganze Auseinandersetzung wird vielseitiger Bekämpfung begegnen. Vor allem wird man sagen, daß diese Anschauung von der Unbeweglichkeit und Unveränderlichkeit der geoffenbarten Religion richtig ist, so weit sie die religiösen und sittlichen Grundwahrheiten betrifft und noch heute bekennen wir treu die Gotteslehre und das Gesetz der Nächstenliebe, wie sie unsere Religion von ihrem Ursprung an verkündet und gelehrt hat. Aber ein anderes ist es um die äußere Erscheinung, um die ccremonielle und formale Seite der Religion. Hier bringt die Entwickelung des Geistes und die Veränderung der Lebensverhältnisse die mannigfaltigsten Umwandlungen hervor. Brauchen wir doch z. B. im Judenthume nur zu sehen, wie dasselbe in seiner ersten großen Periode vom Opfercultus beherrscht wurde, dann aber den Gebetcultus schuf, der zu seiner völligen Gestaltung eines Jahrtausends 84