Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 29 (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
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450 von dem Napoleonischen Dekret von 1808 für das Elsaß sehen wir ab — keine weiteren Kämpfe gekostet, wurde vielmehr von der Restauration in der Charte von 1814 anerkannt und von der Julimonarchie durch ein Budget für den israelitischen Kultus ergänzt. Selbst in einigen Staaten der nordamerikanischen Union zog sich der Kampf um die Gleichberechtigung bis 1822 hin, in Großbritannien bis vor 20 Jahren. Blicken wir auf den jeweiligen Zustand, so unterscheiden sich in dieser Beziehung die Staaten als dreifache. Die einen, Rußland und Rumänien, stecken hinsichtlich ihrer jüdischen Staatsangehörigen noch im vollen Mittelalter, mit ihren kaum zu übersehenden Beschränkungen und Ausnahmegesetzen für die Juden. Ihnen gegenüber besteht die volle Gleichberechtigung in den westeuropäischen Staaten, Italien eingerechnet, die pyrenäische Halbinsel ausgeschlossen, in Amerika und Australien, denn auch in den australischen Provinzen nehmen Juden höhere Stellungen in Parlament und Verwaltung, namentlich der städtischen, ein. Die dritte Klasse der Staaten in dieser Beziehung bilden die mitteleuropäischen, insbesondere Preußen und Oesterreich-Ungarn, wo die Gleichberechtigung von der Staatsverfassung verbürgt ist, die Verwaltung jedoch nach gewissen Seiten hin sie nicht ausführt. Das kommende Jahrhundert hat also auch auf diesem Gebiete noch Vieles zu schaffen, zu festigen und zu vollenden. In der nächsten Zeit haben wir allerdings hierin noch nichts zu erwarten, denn die Gesinnungen haben sich in dieser Hinsicht seit etwa zehn Jahren gegen früherhin sehr geändert, aber auch in sehr vielen anderen Zweigen des staatlichen Lebens, liegen Grundsätze mit einander im Streite, wie vor 10 Jahren nicht, man denke nur an die Schutzzölle und an den Zunftzwang. Es würde also ganz irrig und ungerecht sein, wenn man die Juden selbst für schuldig an diesem Umschläge der Gesinnung über sie ansähe, da ein gleicher Umschlag in so vielen wichtigen Momenten des Staats- und Völkerlebens stattgefunden hat. Jndeß läßt sich durchaus nicht erwarten, daß der Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen auf gesetzlichem Wege Einbußen erleiden werde, da derselbe zu einem Fundamente des modernen Staates geworden, dessen Verletzung, d. h. Beseitigung, die gesellschaftliche Ordnung schwer erschüttern würde. Neutrandenburg, (Mecklenburg), 30. Juni. Gestern feierte die hiesige israelitische Gemeinde den Jahrestag ihres 25jährigen Bestehens; dieselbe, die sich im Jahre 1865 aus nur 9 stimmberechtigten Mitgliedern bildete, ist inzwischen auf 30 Mitglieder angewachsen. — Während dieser 25 Jahre war Herr Gustav Götz mit nur kurzer Unterbrechung einer der Vorsteher, und wurde ihm gestern früh im Aufträge der Gemeinde durch eine Abordnung derselben als Dank für seine Amtsführung ein Ehrengeschenk, bestehend in einem mit Widmung versehenen Prachtwerk, überreicht; später fand ein feierlicher Dank-Gottesdienst in der Synagoge statt, bei dem Herr Landesrabbiner vr. Hamburger die Festrede hielt. Um ll1^ Uhr erschienen als Deputirte des Magistrats Herr Syndicus Dr. Pries und Herr Senator Rosenhagen in der Wohnung des Vorstehers Löwenhaupt und sprachen der jüdischen Gemeinde die Glückwünsche unserer städtischen Behörde aus. Am Abend vereinigte ein festliches Mahl die Mitglieder und ihre Familien im Stöwhase'schen Locale; als Ehrengäste waren Herr Bürgermeister Brückner und Herr Senator Rosenhagen gegenwärtig. Den ersten Toast auf unfern Landesherrn, unfern allergnädigsten Großherzog brachte Herr S. Löwenhaupt aus, er wies darauf hin, daß Se. Königl. Hoheit der Gemeinde stets in huldvollster, tolerantester Weise Wohlwollen und Förderung angedeihen ließ und sich dadurch im Herzen der Festgenossen ein unvergängliches Denkmal errichtet habe. — Im Anschluß hieran wurde Serenissimus ein Telegramm übersandt, in welchem diese Gesinnungen der Treue und Dankbarkeit zum Ausdruck gelangten. Se. Königl. Hoheit der Großherzog geruhten den Festgruß durch folgende Depesche zu beantworten: „Der zum 25jährigen Stiftungsfest gestern Abend „versammelt gewesenen israelitischen Gemeinde sage Ich „freundlichen Dank für den Ausdruck ihrer treuen und „dankbaren Gesinnung, welchen Ich gern entgegen ge- „nommen habe. Großherzog." Beim Festmahl folgte zunächst ein Trinkspruch auf Se. Majestät den deutschen Kaiser, gehalten vom Herrn Senator Rosenhagen, und dann erhob Herr Bürgermeister Brückner sein Glas und weihte dasselbe dem Gedeihen und Wohlergehen der hiesigen jüdischen Gemeinde. — Der Redner, welcher derselben von ihrem ersten Anfang an Berather gewesen, ihre Begründung bei hoher Regierung vermittelt und geleitet, als Magistrats-Deputirter ihren Sitzungen präsidirt hat, bezeugte auch in seiner Rede wie durch sein Wirken das stets gleiche Wohlwollen, mit dem er das bis jetzt Geleistete anerkannte und zu rüstigem Weiterwirken ermuthigte. Diese Worte weckten lauten Dank und werden allen Anwesenden unvergeßlich bleiben. Nachdem nun noch von verschiedenen Festtheilnehmern Toaste auf den Magistrat von Neubrandenburg, auf den Vorstand u. s. w. ausgebracht waren, reihte sich nach Schluß des Mahls ein Tanz an, der die Gesellschaft bis zu früher Stunde vereinigte, und wird dieser Gedenktag bei allen Theilnehmern eine frohe Erinnerung hinterlassen haben. Oesterreich-Ungarn. Aus Böhmen, 5. Juli. (Privatmitth.) Bei den jetzt stattfindenden Wahlen zum Landtage haben die Antisemiten