Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1889)
- Date
- 1889-06-27
- Page
- Seite 411 (sequence 15)
- Language
- German
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411 der den Folgen seiner ruhmreichen Wunden erlag, ein Israelit, Herr de Picciotto, war, Hauptmann im 4. Artillerie- Regiment, der in der Schlacht bei Herny am 14. August tödtlich verwundet, den anderen Tag in der Ambulanz verschied. — Da ich gerade das Wort Ambulanz gebrauche, will ich erwähnen, daß bei der Unmöglichkeit, die Verwundeten aus den Kämpfen und Scharmützeln von jedem Tage, und die Kranken, deren Zahl sich auf 22,000 ans ein Mal belief, anderweitig zu überführen, die ganze Stadt Metz ein großes Hospital geworden war; 65 Ambulanzen waren in Lokalen errichtet, die groß genug waren, um eine ärztliche Organisation zu ermöglichen, ohne die zahlreichen kleinen Privatambulanzen zu zählen, welche nur einige Betten enthielten. — Außer den Verwundeten, welche im jüdischen Hospital ausgenommen und gepflegt wurden, wurden in den unteren Räumen der jüdischen Schule unter der Direetion und Aufsicht eines Komites, das aus verschiedenen Mitgliedern unserer Beamten und Glaubensgenossen gebildet wurde, die sich ihrer freiwilligen Mission mit einem höchst lobenswerthen Eifer Hingaben, noch eine Ambulanz von 30 Betten errichtet, in denen vom 16. August bis zum 20. October immer 20 bis 30 Verwundete und Kranke gepflegt wurden. Ungefähr 2500 Verwundete, unter denen viele Offiziere, wurden in Privathäusern ausgenommen und gepflegt, die der Israeliten öffneten sich wie die anderen, und sie haben mit demselben bisher wie ihre Mitbürger die bürgerlichen Pflichten erfüllt, welche diese denkwürdigen Ereignisse auferlegten. — Der Oberst Sor, Commandant des 65. Infanterie- Regiments, heute Divisions.General, der sehr ernstlich durch einen Kugelschuß am Fuße bei Rezonville verwundet wurde, ward im Hause seines Neffen, des Großrabbiners Lipmann, gepflegt. Die Hingabe der Frauen von Metz aller Stände und Cvnfessionen bei der Pflege der Verwundeten war bewunderungswerth. Der Magistrat von Metz veröffentlichte später eine Liste derer, die sich in diesem menschenfreundlichen Dienste ausgezeichnet, und in dieser Liste finden sich 17 jüdische Damen, in der der Männer 15 jüdische Herren. Die französische Armee besitzt drei israelitische Feldgeistliche, welche den Rang und Sold eines Hauptmannes erster Classe einnehmen. Es sind: der Rabbiner Felix Lazard von Paris, der dem Generalquartier zugetheilt ist, der Rabbiner Mook von Thann, der kaiserlichen Garde zugehörig und der Rabbiner L. Oury von Toulouse, dem 4. Corps zugetheilt. — Wenn der Dienst des Ersteren seiner Natur nach ihn mehr an seinen Wohnsitz fesselt, so erfordert der der beiden Anderen, die activen Truppen angehöreu, ihrerseits uuaufi hörliche Arbeit, die selbst nicht immer ohne Gefahr ist. Einige Tage nach der Schlacht bei Gravelotte-Rezonville brachte uns der Feind 7 bis 800 Verwundete, die er vom Schlachtfelde aufhob und die aus Mangel an Pflege und Verband in einem kläglichen Zustande sich befanden. Ihr Zustand flößte so viele Furcht für die allgemeine Gesundheit ein, daß der Commandant sie nicht in die Stadt hineinlassen wollte und man sie, so gut wie es eben ging, außerhalb der Festungswerke auf der Insel Saulcy unter Zelten und Matten unterbrachte. — Unsere beiden Rabbiner, die Herren Oury und Mook, eilten sofort herbei und wandten diesen Unglücklichen ihren Beistand und ihre Tröstungen zu. — Das liegt übrigens in ihrer Gewohnheit. Auf den Schlachtfeldern, in den Ambulanzen wenden sie sich als Geistliche einer Religion, vor der alle Menschen gleich sind, nicht nur an die Israeliten; sie vertreten ihre katholischen College»; sie haben Worte des Glaubens und der Hoffnung für alle Soldaten ohne Unterschied und mehr als ein christlicher Soldat schuldet ihren erhabenen Ermahnung die Resignation, die Seelenheiterkeit, welche alle großen Opfer begleitet, auch dasjenige des eigenen Lebens für das Vaterland. Der Herr Rabbiner Ouery erhielt im October 1871 den Orden der Ehrenlegion, der jetzt verstorbene Rabbiner Lazard im April 1872; nur H. Mook, der jetzt Rabbiner von Mühlhausen geworden ist, erhielt diese Auszeichnung nicht; das ist sehr zu beklagen, denn ich habe ihn bei der Arheü gesehen, er verdiente sie nach jeder Seite hin. Im Independant de la Moselle las man am Montag den 5. September: Gestern um vier Uhr besuchte der Bischof von Metz die verwundeten Soldaten in der jüdischen Schule und im jüdischen Hospital. Er unterhielt sich ziemlich lange mit einem jüdischen Feldprediger der Rheinarmee, Herrn Felix Lazard, unserm Mitbürger. Nachdem er das anwesende Personal der Ambulanz wegen des guten Zustandes und der trefflichen Pflege, die er darin gefunden, beglückwünschte, vertheilte er an die Soldaten zahlreiche Medaillen. Es ist anzunehmen, daß das Bild der Jungfrau sich zum ersten Male in einer jüdischen Anstalt befand; dies ist ein neuer Beweis der beiderseitigen Toleranz, welche unter den verschiedenen Culten unserer Stadt herrscht." Diese Zeilen fanden gewiß den Beifall des verehrten Besuchenden, denn sie wurden vollständig vom Voeu National wiedergegeben, dessen intime Beziehungen zu dem bischöflichen Palaste notorisch sind. — Wir dürfen mit Freuden in dieser Thatsache ein erneutes Pfand dieser Eintracht, dieser gemeinsamen Empfindungen erblicken, welche die Kinder eines Vaterlandes, einer Stadt ohne Unterschied des Glaubens beleben. — Tragen unsere israelitischen Feldgeistlichen , welche Rabbiner sind, ntcht in der Ausübung ihrer gefährlichen Mission das Zeichen der internationalen Convention von Genf, das weiße Armstück mit dem rothen Kreuz? Könnten sie einen größeren Beweis der Sanftmuth