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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-06-13 · Heft 24 (13.6.1889) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 24 (13.6.1889)
Date
1889-06-13
Page
Seite 379 (sequence 15)
Language
German
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379 ringeren Nutzen nach Hause, und das Gesicht meiner Tante wurde wieder länger. Meine Betrübniß hierüber milderte nur der Besuch des Lehrsaales, und ich fühlte, daß ich an Berständniß der Borträge gewann. Da trat eines Tages der Rabbi zu mir bin, legte mir abermals verschiedene Fragen vor, die ich recht gut zu beantworten verstand. Darauf sagte er: „Komm doch morgen früh nach Schul' (nach dem Gottesdienste) mit deinem Onkel zu mir. Dieser verstand sich auch, mit mir Zum Rabbi zu gehen. Nun eröffnete mir dieser, daß der reiche Reb Joseph das Kostgeld für mich bezahlen wollte, wenn ich den Hausirhandel aufgeben und ordentlicher Bachur werden wollte; ich hätte dafür nur, wenn ich es erst recht verstünde, täglich im Hause des Reb Joseph ein Stück Mischnajes zu lernen. Es käme darauf an, wie viel Kostgeld mein Oheim für mich fordere. Der überlegte es sich kurze Zen, und seine Forderung war bescheiden genug, daß sie ihm sofort zugesagt wurde. Du kannst dir denken, wie glücklich ich war, das lästige Hausiren auf- und mich dem Studium der Thora, nach welchem meine ganze Seele verlangte, hingeben zu können. Still in meinem Herzen erhob sich ein heißes Dankgefühl zu der gött lichen Vorsehung, die so väterlich Alles für mich gefügt hatte. Mein Rabbi hatte aber noch mehr mit mir vor. Er hatte einen Sohn, wenige Jahre älter als ich, den er durchaus zu einem Rabbi ausbilden wollte, der jedoch nur geringe Geistesanlagen zu diesem hohen Berufe besaß. Er beabsichtigte deshalb, demselben mit mir auch Privatunterricht zu ertheilen, um ihn durch mein Beispiel anzuregen, und damit ich die Leetionen mit ihm wiederhole. So geschah es denn auch. Ich gab mich willig dazu her, und war es auch für mich nicht sehr förderlich und angenehm, mit diesem Kameraden nur langsam vorwärts zu kommen, so merkte ich doch bald, daß ich auf diesem Wege mein Gedüchtniß außerordentlich bereicherte, so daß ich auswendig wußte, was er nur mühsam in den Büchern aufzusuchen vermochte. Der Weg, den das Geschick mich geleitet, hatte mich gelehrt, jeden mir günstigen Umstand zu würdigen, jedem Dinge die bessere Seite abzugewinnen, die wärmenden Lichtstrahlen aufzusuchen, nicht aber die erkältenden Schatten. Ich wünsche lebhaft, mein Sohn,- daß du die gleiche Richtung einschlägst, sie führt leicht über die Schwierigkeiten unseres Lebensweges hinweg, und die Täuschungen, die sie etwa bereitet, sind viel geringer als die des Gegentheiles. — So vergingen mehrere Jahre und geistig und leiblich streckte ich mich zu einem Jüngling, der seiner Aufgabe pflichtgetreu oblag. Da trat ein Wandel ein. Reb Joseph, in dessen Hause ich fast täglich zu verweilen hatte, faßte den Entschluß, eine Klaus Zu stiften. Vorläufig vermochte er wohl nicht einen großen Fond zu diesem Zwecke zu opfern, er wollte deshalb zunächst in seinem Hause ein Zimmer einräumen, um einen angehenden Rabbiner zu installiren, der für freie Kost und Wohnung sich daselbst immerwährend mit Talmudstudium beschäftige und seine Zeit mit „Lernen" ansfülle. Unsere Glaubensgenossen hegten damals noch die Meinung, daß Solches zum Segen des Hauses und zum Seelenheil des Gründers über das Grab hinaus gereiche. Sonstigen Bedarf konnte der Klausner durch Thätigkeit in den Familien bei verschiedenen Gelegenheiten wie Wochenbett und Todesfälle mit dem Lernen decken. Als Reb Joseph mir diesen Plan mittheilte, rechnete ich darauf, daß er mich zunr Klausner wähle, wodurch ich ein lang gehegtes Verlangen nach einem eigenen Stübchen, wo ich ungestört stndireu könne, endlich befriedigen konnte. Aber der Rabbi hatte es anders im Sinne, er wollte seinen Sohn in die neue Klaus bringen, mit der Hoffnung, daß derselbe nach dem dereinstigen Tode des Rabbi von der Gemeinde als dessen Nachfolger gewählt werde. Der Einfluß des Rabbi auf Reb Joseph war zu groß, als das; sein Wille nicht entscheidend gewesen wäre. Hierbei wurde mir zugleich klar, daß ich mit meiner Lehrzeit au diesem Orte zu Ende wäre und um mich in nneiuem Fache weiter ausznbilden, eine Jeschiba aufsuchen müßte. Der Rabbi war ganz meiner Meinung, rieth mir nach M. zu gehen, wo Gelehrte von großem Rufe thätig waren und wo ich vielleicht Existenzmittel finden würde. So kam es, daß ich den Wanderstab wieder ergriff und meinem Onkel, und seiner Familie mit j tief gefühltem Danke Lebewohl sagte. Ter Rabbi gab mir! ein gutes Empfehlungsschreiben mit und ertheilte mir aufrichtig seinen Segen. (Schluß folgt.) Nachtrag. Amerika. New-Nork, im Mai. Wir haben schon berichtet, daß von der nordamerikanischen Union wiederum ein Glaubensgenosse, Herr Salomon Hirsch, zu ihrem Gesandten in Constantinopel erwählt worden ist. Ueber dessen Persönlichkeit wird geschrieben: Der von dem Präsidenten Harrison zum Gesandten der Vereinigten Staaten von Amerika in Constantinopel ernannte Herr Salomon Hirsch ist ein geborener Württemberger. Derselbe, von armen jüdischen Eltern stammend, kam als 15jähriger Knabe nach Amerika und steht jetzt im 51. Lebensjahre. Er erwarb sich unter großen Mühen und Entbehrungen ein bedeutendes Vermögen und wurde 1864 Mitinhaber des Großhandlungshauses Fleischner, Meyer k Co. tu Portland- Oregon. Er wurde wiederholt in den Staats-Senat gewählt, dessen Präsident er auch einmal war. Nähere Nachforschungen dahier haben ergeben, daß Herr Salomon Hirsch aus Hohebach im Hohenlohischen (Württemberg) stammt und seine Erziehung in der Israelitischen Waifenanstalt in Eß-

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