Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1889)
- Date
- 1889-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudmthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Konn. Expedition: Leipzig. Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls 'an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 13. Jugi 1889. Nr. 24. Inhalt, Leitende Artikel: Traditionen des Judeuthums. III. — Besuch einiger Schulen der Alliance Israelite Universelle in Marokko und Kleinasien. — Briefe an einen jungen Theologen. III. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Witten, Paderborn, Aus Baden, Aus Westfalen. — Oesterreich-Ungarn:' Wien, Pest, Miskolez. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literaci'che Notizen. — Feuilleton.' Der Commandant G. Halpheu. — Ein kleiner Lebenslauf aus früherer Zeit. (Forts.) — Nachtrag: New Dort. £ci('c'n<S* 0Ult ßef. Bonn, 0. Juni. Traditionen des Iudenthnms. in. Wir besitzen jedoch noch andere Traditionen, welche aus alten Zeiten bis in die Gegenwart wirksam sind, noch jetzt in den jüdischen Geistern leben. Wir wollen uns heute wieder drei derselben ins Bewußtsein rufen. Es ist schon oft die Verwunderung darüber ausgesprochen worden, daß überall die jüdische Jugend im Besuche der höheren Lehranstalten nach dem Verhaltniß der Bevölkerung die Jugend der übrigen Confessionen bei Weitem übertrifft, ja sechs bis zehn Mal die Zahl übersteigt, welche nach der Bevölkerungsziffer auf sie käme. Diese so oft schon statistisch erwiesene Erscheinung zeigt sich in allen Ländern, auch da, wo die jüdische Masse noch keine höhere Culturstufe einnimmt. Ging doch in Rußland aus der Befürchtung, die Nationalrussen dadurch verdrängt zu sehen, wiederholt eine Regierungsvorschrift hervor, welche die Zahl der jüdischen Zöglinge auf den Gymnasien und Universitäten auf zehn, fünf oder gar drei Pcocent beschränkte. Man hat nun nach den Ursachen dieser Thatsache gefragt und mancherlei Antwort gefunden. Die Einen sagten, sie erkläre sich aus dem Umstande, daß die Juden mit geringer Ausnahme in Städten wohnen, wo ihnen also die Gelegenheit leichter geboten ist, ihre Kinder auf die höheren Lehranstalten zu schicken. Hierin könnte aber nur theilweise der Grund liegen, denn wenn lvir selbst die gesammte christliche Landbevölkerung abrechnen, wird das Berhältniß nur um etwa die Hälfte verringert. Dann sagte; man, daß die Juden wohlhabender seien und deshalb die; Mittel besäßen, ihre Kinder die Schulen länger besuchen zu lassen. Dies trifft schon weniger zu, denn dem unparteiischen Beobachter ist es zweifellos, daß in der Gesammtheit die christliche Bevölkerung, welcher z. B. der gesammte Grund und 'Boden ein kleines Maß ausgenommen, gehört, im Besitzstände der jüdischen nicht nachsteht. Wie träfe dies auch in Rußland zu, wo die große Armuth der Juden notorisch ist? Endlich kann man leicht beobachten, wie selbst arme jüdische -Familien die größten Opfer bringen, ihre Kinder höhere! Schulen besuchen zu lassen, wo dann die Mitdthätigkeit der j Glaubensgenossen in Anspruch genommen wird. Endlich! spricht man auch von einem „Bildungstriebe", der bei den! Juden vorherrschen soll. Dies ist jedoch ein zu vaguer und j abstracter Begriff, um ihn geradezu und ohne weitere Erklärung auf die jüdische Masse anwenden zu können. Vielffnehr ist die Ursache wesentlich in der Tradition und tra-! ditionellen Gewohnheit der Juden zu suchen, ihre Kinder! unterrichten und möglichst viel lernen zu lassen. Dies ist eine Tradition, die bis in die Zeit des zweiten Tempels j hinaufreicht und welcher die Inden selbst in den dunkelsten - und traurigsten Perioden ihrer Geschichte stets treu geblieben sind. Zu den ersten und bleibendsten Sorgen jeder Gemeinde gehörte die Fürsorge für den Unterricht der Kinder und wurden hierfür alle erforderlichen Opfer willig getragen.! Niemand schloß seine Kinder vom Besuche des Unterrichtes 24