Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1889)
- Date
- 1889-05-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis vierteljährl. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Sonn. Kreditiert: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, dm 30. Mai 1889. Nr. 22. Inhalt, Leitende Artikel: Ein Sieg in Wien. — Eine Abrechnung. — Die Juden in Rußland. III. u. IV. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Luxemburg: Luxemburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Pest, Karlsoad. — Schweiz: Zürich. — Frankreich: Paris. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: New Aork. — Marokko: Fez. — Bonn, Notizen. — Feuilleton: Ein Behmgerichr. (Schluß). — Anzeigen. Bon n, 26. Mai. Ein Lieg in Wien. .Nach den dreitägigen Tramway-Tumulten bemerkten wir, daß diese wohl einen Wendepunkt im Wiener Antisemitismus abgeben könnten. Es scheint dies in Erfüllung zu gehen. Denn abgesehen von der großen Bürgerversammlung mit den trefflichen Reden von Prix, Sueß, Plener und Weitlof, abgesehen davon, daß eine von den Antisemiten geplante Volksversammlung polizeilich verboten worden , hat der Premierminister, Gras Taaffe, im Namen der Staatsregierung, also auch des Kaisers, in der Sttzüng des Abgeordnetenhauses vom : 16. Mai eine Erklärung abgegeben, welche wir als einen Siegfür uns, als eine Niederlage der Antisemiten zu bezeichnen wohl berechtigt sind. Es wird darüber berichtet: „Graf Taaffe beantwortet die Interpellationen betreffend den Tramway-Strike. Er anerkannte lobend das Vorgehen der Soldaten und der Wachorgane bei den damaligen Tumulten. Bezüglich der Frage, ob die Regierung gewillt sei, künftighin der Verhetzung gegen eine bestimmte Klasse von Staatsbürgern entgegenzutreten und für eine gleichmäßige Anwendung der bestehenden Gesetze gegenüber einem Jeden zu sorgen, meinte Graf-Taaffe, bedürfe es keinerlei besonderer Erklärung, daß die Regierung, an der staatsgrundgejetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger festhaltend, gegenüber den höchst bedauerlichen Bestrebungen, welche diese Grundsätze zum Nachtheile der Angehörigen einer bestimmten Confessio» verleugnen wollen, sich ihrer wichtigsten Aufgabe, Hüterin des Gesetzes zu sein, stets vollkommen bewußt war und auch gegenwärtig ist. Weiter sagte der Ministerpräsident: Die Regierung ist bisher allen ihr zur Kenntniß gebrachten Ausschreitungen gegen einzelne Gesellschaftsklassen oder Religionsgenossenschaften, ohne Rücksicht darauf, von welcher Seite oder Partei immer dieselben ausgegangen fein mochten, stets mit den gesetzlichen Repressiomaßeegeln entgegengetreten, und wurde» die Schuldigen jedesmal der verdienten Bestrafung zugeführt. Es bedarf daher auch keiner besonderen Versicherung, daß eine gleich strenge Handhabung oes Gesetzes auch in der Zukunft die oberste Maxime der Regierung bleiben wird. Daß Vorkommnisse, wie jene in den Osterfeiertagen, von verschiedenen Blättern, je nach dem Parteistandpunkte besprochen und zu Denunciationen der gegnerischen Partei ansgeveutet wurden, ist gewiß bedauerlich, kann jedoch im Hinblicke auf das staatsgrnndgesetzlich gewährleistete Recht der freiem Meinungsäußerung, so lange sich letztere in den gesetzlichen Schranken hält, nicht den Anlaß etnes behördlichen Einschreitens bilden. Die Regierung wird aber sortfahren, derartigen Enunciationen, sobald dieselben die Merkmale eines unter das allgemeine Strafgesetz fallenden, von Anttswegen zu verfolgenden Delictes enthalten, strengstens entgegenzutreten. Eine gründliche Remedur für krankhafte Erjcheinungen im gesellschaftlichen Leben kann aber nur von der Gesellschast selbst ausgehen, wenn nämlich die einsichtigen und patriotischen Männer aller Parteien dahin wirken, daß stets — bei der unvermeidlichen Verschiedenhett religiöser, 22