Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1889)
- Date
- 1889-05-09
- Page
- Seite 299 (sequence 15)
- Language
- German
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299 Stätte für dich, — des ist keine Wohnung mehr für mich; — die Furcht zerstöret unfern Bund. — Du mußt dich bergen in der Erde Grund — vor dem Menschen und seinen Schlingen, — vor den Spähern, die dich umringen. — Dein Leben ist voll Angst und Noch. — Süß schmeckt verborgen gegessenes Brod. — Du sprachst vom Wald in so übler Weise, — und doch ist im Frieden die einfachste Speise. — Besser, als Leckerbissen in Bangen verzehrt. — Vor jedem Menschen, der sich näh'rt, — mußt du rasch und ängstlich flieh'n, — von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel zieh'». — In meiner Heimath leb' ich fröhlich nur, — frei in der freien Natur. Ein Gleichniß dessen, der nur nach Großem trachtet, — das Gute, das er hat, verachtet, — mit dem bescheidnen Loos nicht ist zufrieden, — das ihm ward beschieden. — Er will auf schwindelnder Höhe sich zeigen, — statt dessen muß er in die Tiefe steigen, — und selbst wenn er erlangt die größ're Habe, — verleidet der Besitz ihm bald die Gabe; — nicht selten sehnt er dann zurück — sein frühstes bebescheid'nes Glück, — damals hob sich ihm froher die Brust. — Doch meist bringt ihm sein Streben nur Verlust, — dann klagt er laut und jammert, — weil Armuth ihn umklammert. Mein Gedicht — das spricht: Besser trock'nes Brod, vom Frieden umflossen, Als gemästet Huhn in Hader genossen. Besser ist ein Krüg'chen Mehl in Freundschaft, Als die leck're Kost verzehrt in Feindschaft — Besser ein Gericht von Kraut in Liebe, Als ein Braten bei des Hasses Triebe, Leb' im eig'nen Haus, wo Eintracht thront. Nicht bei Fremden, wo die Zwietracht wohnt. — Fabel 4.-») Vom Löwen, anderen Thieren und vom Affen. Leg' deinem Herzen Zaum und Zügel an; Stoß' Niemand weg, fei freundlich Jedermann. Der Löwe ließ verkünden in seinen Landen, — daß alle Vierfüßler, die vorhanden, — an einem bestimmten Tag' sich sollen vereinen, — um vor ihm zu erscheinen, — er wolle sehen wer der lieblichste von Allen, — wer durch Schönheit werde am Besten gefallen, — er wolle zum Veziere den ernennen, — den Alle als den schönsten anerkennen. — Als sich nun versammelten Alle, — sprach der Affe; „In keinem Falle — ist Jemand wie mein Sohn so schön gestaltet, — so schmuck entfaltet. — Seine Lieblichkeit ist mächtig, — seine Schönheit prächtig. — Meines Herrn und Königs Pracht — würde durch meinen Sohn noch herrlicher gemacht, — herrlicher als jemals man — wünschen und sagen kann." Diese Fabel lehrt: Mit Recht behaupten der Sprüche Dichter: — Wie zwei große Himmelslichter — sehen selbst die Kröte und die Maus — in den Augen des in sie Verliebten aus." — Jeder soll darum sein Herz bezwingen, — sich den Nebenmenschen nah' zu bringen, — und niemals ihn von sich zu stoßen. — Selbst wenn von einem Zorne, einem großen, — gegen ihn dein Jnn'res ist entbrannt, — entfern' ihn nur mit deiner linken Hand, — deine Rechte ziehe wieder heran, — den verstoß'nen Mann. Die Vermehrung der Israeliten in Egypten. Nach den Angaben der h. Schrift kam Jacob mit 70 Seelen nach Egypten, 430 Jahre (2. Mos. 12, 40. 41) verweilten sie dort und als sie auszogen, zählten sie 600,000 streitbare Männner, also etwas über zwei Millionen Seelen. Nun giebt zwar das h. Wort wiederholt zu erkennen, daß das israelitische Volk in Egypten sehr fruchtbar war; dennoch war man über jenen großen Anwachs vielfach ungläubig. Merkwürdigerweise hat sich, wie Las Casus berichtet, Napoleon während seines Aufenthaltes auf St. Helena mit der Berechnung beschäftigt, ob ein solches Wachsthum möglich sei, und kam zu dem Resultate, daß selbst mittleren Voraussetzungen nach Proportion eine noch größere Seelenzahl nicht unnatürlich sei. Die Memoiren des Las Casas sind uns nicht zur Hand, so daß wir die Berechnung Napoleons nicht wiedergeben können. Jüngst aber trafen wir auf ein Beispiel, das die Angaben der Schrift durchaus glaubwürdig macht. Das unter britischer Herrschaft stehende Canada wird von zwei sich feindlich gegenüber stehenden Stämmen bewohnt, den Franco - Canadern (welche die ursprünglichen Besitzer des Landes waren, also französischer Abstammung), und den Anglo-Canadern. Die ersteren nun erweisen eine außergewöhnliche Fruchtbarkeit. In einem Artikel, den der Premierminister von Quebec jüngst veröffentlicht hat, weist er nach, daß zur Zeit der englischen Eroberung (im Jahre 1763) in Canada 75,000 Franco-Canader vorhanden waren, die sich bis jetzt auf 2'^ Millionen vermehrt haben und berechnet, daß sie in 50 Jahren auf 9 Millionetl angeschwollen sein werden. Nach diesem Maßstabe, da es sich in der ersten Periode nur um 127 Jahre handelt, sind die Angaben der h. Schrift über die Vermehrung der Israeliten in Egypten an sich durchaus glaubwürdig. 10) Im Original Nr. 50.