Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-05-02 · Heft 18 (2.5.1889) · p. Seite 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 18 (2.5.1889)
Date
1889-05-02
Page
Seite 283 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227790--46175-3265723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

283 Dies eilte hinweg voll Qualen; — denn es hatte nichts im Haus; — doch es bot seine Wolle zum Kaufe aus. — Da fanden die Scheerer sich ein, — das Schaf trug still des Scheerens Pein — und für die Wolle, ihm entnommen, — hat es das Brod bekommen, — das es reichte dem Hunde dar, — obwohl es unschuldig war. — Das Schaf litt aber neue Qual, — es wich des Sommers heißer Strahl, — der Winter stieg zur Erde nieder — und Frost schüttelte des Schafes Glieder, — weil ihm fehlte die Wolle, die warme. — Da ergab es sich dem Harme, — betrübte sich wegen seiner Kleinen, — hörte um seiner Kinder willen nicht auf zu weinen?) — und da der Winter herrschte mit Strenge — und Schnee fiel in großer Menge — starb's auf einem von den Wegen?) — die es hatte zurückzulegen. Wolf und Bär, die gehofft auf sein Ende, — liefen nun zur Todesstätte behende — und sprachen: „Dies Schaf ist wohl erworben, — denn durch unser Zeugniß ist's gestorben." — Dies Gleichniß ist gegen dies Geschlecht, — das der Frechheit Knecht, — deß' Zähne Schwerter sind, — zu vertilgen der Armuth Kind?) — welches Alle hassen, — weil's nicht will vom Rechte lassen — und den Trug umfassen. — Für seine Fehler giebt's viele Spüh'r — und der Herrscher achtet auf Lügenmähr. Mein Gedicht, — das spricht: Ach, daß der Leu dem Fuchs verwandt, Der Fromme küßt dem Schelm die Hand, Betrüger schmückt das Ordensband, Und Niedre stehen hoch im Land! Doch wird vom Taumel übermannt, Auch der, den Thoren Gott genannt. — Sein Thun bleibt doch für ihn nur Tand, Er stürzt trotz seinem Kriegsgewand. Und daß wer fiel nicht mehr erstand, Ist armen Leuten wohl bekannt. — Fabel 2?) Die trächtige Hündin und ihre Genossin. Räumst du Andern deine Rechte ein, Werden sie bald deine Herrscher sein. Eine Hündin, die Junge werfen sollte — und sich hierzu eine Herberg' suchen wollte, — weil der Winter immer näher schritt heran, — kam zur Abendzeit bei einer Freundin an, 4) Die Anmuth des hebr. Originals tritt namentlich in diesen beiden Versen hervor. Das Schaf heißt im Hebräischen: Rachel. Berachjah schreibt daher: „Rachel weint um ihrer Kinder willen." Jerem. 31, 15 und: „Rachel starb dort auf dem Wege." Genes. 35, 19. 5) Anspielung auf Spr. Sal. 30. 14. 6) Im Original Fabel 9. — welche besaß eine geräumige Hütte, — und richtete an sie die Bitte, — sie aufzunehmen in ihrer Stätte — bis sie geboren hätte. — Mild sprach jene: „Tritt in mein Haus ein, — betrachte es als wär's durchaus dein, — bleibe bis du los bist deiner Last — und du entwöhnt die Kleinen hast. — Als sich's nun die Hündin bequem gemacht, — und Hunde, ihr gleich, hatte zur Welt gebracht, — mißfielen sie der Wirthin sehr, — denn sie bellten immer mehr, — und nichts blieb fremd ihrem Begehren. — Sie suchten das Fleisch zu verzehren — die Knochen zu benagen — lauernd Alles! zu erjagen. — Sie wurden stark und groß, — übermüthig, der Scheu ganz los, — und ließen keine Nahrung im Haus. — Da sprach: „Jetzt ziehe aus!" — die Wirthin zur Fremden, die sie ausgenommen, — „suche nun ein andres Unterkommen. — Ich habe keine Ruhe durch deine Jungen, — sie haben freche Zungen, — sie fachen meinen Zorn stets an — und bellen, daß ich nicht schlafen kann. — Ach, daß sie so lange bei mir wohnten — und Speis' und Trank nicht schonten! — ihr Treiben macht mir Mißvergnügen, wenn ich auch stets dazu geschwiegen." — Da erwiderte die Fremde schlau: — „Ach, geehrte holde Frau! — möchtest du mir das Leben schenken — und meiner Familie gedenken, -- oder scheint meine Nähe schlimm dir — laß zieh'n die Mutter und die Kindlein nimm dir?) — Meine Jungen sprachen wehmüthiglich — sage der Herrin demüthiglich, — wir wollen uns ruhig verhalten. — Noch größ're Güte als bisher ließest du walten, — behieltest du uns über den Winter hier — im Frühling suchen wir andres Quartier. — O, laß mich, Alte, doch nicht sterben! — Wir könnten ja vor Frost verderben — blieben wir obdachlos in dieser Zeit. — Da sprach die Wirthin voll Barmherzigkeit: — „Das Meine — sei das Deine, — was du begehrt, — sei dir gewährt." Doch als genaht des Lenzes Sonnenschein, — zeigten die Fremden ein Herz von Stein; — denn da zum Gaste die Wirthin sprach: — „Verlaß nun mit deinen Kindern mein Dach; — zieh rechts, zieh links, nach eigner Wahl, — betrüb' mich nicht zum zweiten Mal, — sei nicht von so üblem Gemüthe — mit Bösem zu vergelten meine Güte," — erwiderte mißachtend diese Rede — die Fremde schnöde: — „Mir gehört das Haus, — zieh' du mit den Dein'gen aus, — verlasse schnell diesen Ort." — So bedrängt zog die Wirthin traurig fort — ja wurde mit den Jhr'gen von den Bösen vertrieben — während diese, die Fremden, als ihre Erben geblieben. Diese Erzählung bedeutet: Manch' gefälligem Manu schließt sich ein Heuchler an, — strebt, ihn listig zu umstricken, — durch Trug 7) Deuteron 22, 7.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.