Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- Seite 267 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227789--46158-3265705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
267 Dem Major gefiel diese Charaeterfestigkeit und er behielt fortan den Mann im Auge. Der gute David Lämml bedurfte aber auch ganz besonderer Nachsicht. Er war das beste Herz, aber der ungeschickteste Patron von der Welt. Wenn er Morgens ganz proper und nett ausmarschirte, wenn die fast neue Bloufe, die der Feldwebel ihm auf einen Wink des Majors ausgesucht hatte, in der Früh noch so rein war, bis Mittag war alle Herrlichkeit zum Teufel und der Mann, der als schmucker Soldat ausgegangen war, kehrte als schmieriger Kerl heim. Wie sich in König Midas Hand Alles zu Gold verwandelte, so wurde in David Lärnml's Händen Alles schmutzig. Gab man ihm ein neues funkelndes Gewehr in die Hand, so konnte man sicher sein, daß er es rostig zurückbringen werde, wenn auch das schönste und trockenste Wetter herrschte. Dabei konnte man ihm nicht gram sein, denn hätte man von ihm gefordert, er solle einen Knopf aus dem Feuer holen, er hätte sich keinen Augenblick bedacht und mit Gefährdung seines Lebens den Befehl vollzogrn. Trotzdem mußte man ihm manchmal einige Stunden „Dunkel" zuurtheilen, damit er sich daran gewöhne, ärarisches Gut schonender zu behandeln. Als nun die Zeit der Osterbrode kam, baten die meisten Glanbensgenoffen David Lämml's um Urlaub, nur er wagte es, wegen einiger in der Konduitenliste eingetragener Strafen, nicht zu thun. Und doch pochte ihm das Herz rascher und fast hörbar, wenn er an seine greisen Eltern dachte, die ihn sicherlich erwarteten, wenn das holde Gesicht seiner Braut, die sich nach ihm härmte, vor seiner Phantasie auftauchte. So stand er denn trüb und kopfhängerisch int Kasernenhof, als der Major auf ihn zutrat. Erschrocken fuhr Lämml aus seinen Träumen auf. Als ihn nun der Major fragte, warum denn gerade er nicht um Urlaub eingekommen sei, erwiderte er verlegen, er habe sich nicht getraut, da er gar viele Fehler begangen, die keine Belohnung, und als solche müsse er einen Osterurlaub betrachten, zu fordern berechtigen. Der Major beruhigte ihn voll Freundlichkeit und sagte ihm: „Also morgen Früh können Sie auf Urlaub gehen!" „Morgen Früh, erwiderte Lämml, habe ich nichts mehr davon." „Warum nicht? Sie können ja acht Tage fortbleiben!" „Aber morgen Früh darf ich nicht mehr gehen; denn wie der Abend einbricht, ist mir jede größere Wanderung verboten." „So packen Sie doch gleich Ihre Siebensachen zusammen und schauen Sie, daß Sie fortkommen. Mit thränenfeuchten Blicken dankte Lämml, dann sagte er: „Die Uniform, Herr Major, werde ich schonen, ich lasse sie hier." Nach wenigen Minuten erschien er im langen, schimmernden Taffetcastan, eine viereckige pelzverbrämte Mütze auf dem Kopfe, einen mächtigen Knotenstock in der Hand und wie er sein Bündel unter dem Arme tragend, fürbaß einherschritt, glich er eher einem der aus Egypten fortziehenden Erzväter, denn einem k. k. Infanteristen. Längst war David Lämml von seinem Urlaube zurückgekehrt, längst hatte er wieder gegen ein halbes Dutzend Blousen schmierig und ebenso viele Gewehre rostig gemacht, als sich im Schooße der Compagnie ein Ereigniß abspielte, das unserem Helden wieder einmal Gelegenheit gab, seine Ehrenhaftigkeit glänzend zu bewähren. Zwischen einem der Unterofficiere und jenem Schächtersohn von Sadagora war es zu einem unliebsamen Auftritte gekommen, worauf der Letztere den Corporal beschuldigte, er sei gegen die reichen Rekruten weit nachsichtiger, weil sie ihm manches Douceur zukommen ließen. Beim Rapport berief sich der junge Bursche unter Anderen auch auf Lämml als Zeugen, da er sicher glaubte, dieser werde ihn nicht im Stiche lassen. Als Lämml vorgerufen wurde, sagte der Major zu ihm: „Sie sind Religionslehrer, Sie müssen die Wahrheit sagen, sprechen Sie frei und aufrichtig, ohne jede Rücksicht auf die Personen." „Das will ich auch, Herr Major, und so muß ich anssagen, daß die Behauptungen des Sadagorers nicht richtig sind und daß ich ihm widersprechen muß." Wüthend blickte der junge Rekrut zu Lämml herüber, dieser aber stand erhobenen Hauptes da und sprach mit traurigem Tone: „Hättest Du die Würste nicht gegessen, so hättest Du keine Unwahrheit gesagt, wer Gottes Gebote hält, muß sie immer halten. Mit vibrirender Stimme erzählte uns der Major, der gegenwärtig an der Spitze eines in unserer Hauptstadt garnisonirenden Regiments steht, diese anspruchslosen Geschichten, die nichts Sensationelles an sich haben, doär mit voller Wahrhaftigkeit ein Menschenbild zeigen, das sich energisch abhebt von dem grotzen Troß des Alltäglichen; denn „Recht hat jeder eigene Character".