Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- Seite 142 (sequence 14)
- Language
- German
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142 gierung habe sich hohe Verdienste um die Abschaffung des Sklavenhandels erworben; unterdeß aber wird, wie von Oporto aus verlautet, der Sclavenhandel im afrikanischen Binnenlande noch immer von Portugiesen betrieben." — Man sieht, daß der gegenwärtige Papst Leo XIII. sich mehr von einer humanen Gesinnung als von historischer Wahrheit leiten ließ, als er sich jüngst auf einen Brief Gregor VII. an den damaligen Sultan von Marokko berief, in welchem jener, um mit dem Sultan in Verbindung zu treten, seine Achtung vor dem Islam aussprach. Man kann sich denken, wie sehr dieser Theil der Schrift des sonst so vorsichtigen Herculano nicht bloß die Geistlichkeit und den Adel, sondern auch die gesammte portugiesische Masse erbitterte, welche so eingebildet auf den Ruhm ihres Volkes ist. Doch hören wir Döllinger weiter: „Bald nach dem ersten Bande seines großen Geschichtswerkes hatte Herculano ein anderes Werk unternommen, welches denn freilich geeignet war, die durch das frühere geweckte Erbitterung noch beträchtlich zu steigern. Es ist dies eine dreibändige Geschichte der Einführung und der ersten zwanzig Jahre der Inquisition in Portugal, zu welcher er die Quellen, Tausende von Proceßakten, die Correspondenz zwischen dem König und den Päpsten, die Instruktionen und Briefe der königlichen und päpstlichen Agenten, in der Bibliothek zu Ajuda fand, deren Vorstand er war. Er hat damit Klarheit und Gewißheit in ein bisher vielfach dunkles und arg entstelltes Gebiet gebracht, aber freilich eine Klarheit, wie wenn die Laterne des Häschers plötzlich ihr Licht in eine Räuberhöhle und ihre blutigen Orgien würfe. Ehe die hier enthüllten Vorgänge bekannt waren, hatte Southey im Jahre 1811 die portugiesische Inquisition definirt als eine Association zur Verbrennung von Personen wegen wirklicher oder vorgeblicher jüdischer Meinungen oder Gebräuche, um sich ihres Vermögens zu bemächtigen. Herculano's Buch hat die Wahrheit dieser Definitive bestätigt, aber es hat noch vieles andere an den Tag gebracht; vor uns entrollt sich eine verhängnißvolle Kette von Fanatismus, Heuchelei, Habgier, Bestechlichkeit und Grausamkeit, welche die Bezeichnung „drama de flagitios“ — Drama der Schandtaten — die der Verfasser selbst seiner Darstellung giebt, vollkommen rechtfertigt. Mas bisher nicht bekannt war, das ist insbesondere der spannende, wechselvolle Verlauf der Verhandlungen mit Rom, wo die unglücklichen Neuchristen durch immer fortgesetzte Geldspenden einige Milderungen oder Bürgschaften gegen das mörderische Proceßverfahren zu erwirken suchten, der König aber endlich, als der Meistbietende, bei Paul III. den Sieg davontrug und eine Bulle erlangte, welche die greuelvolle Thätigkeit des Glaubenstribunals für zwei Jahrhunderte befestigte." — Diese Schilderung hat eine unmittelbare Beziehung auf unsere Glaubensgenossenschaft. Denn, nachdem man einen großen Theil derselben zum Uebertritt zur katholischen Kirche gezwungen hatte, brachte die Inquisition unsägliche Leiden über sie, und ruhte nicht, bis alles, was ein Vermögen hatte, vernichtet war. Andererseits verdanken wir dieser grausamen Mißhandlung so manchen guten Zweig unseres Stammes. Nicht wenige suchten sich dieser Verfolgung zu entziehen und auf dem Wege der Flucht nach England, Holland und Nordwestdeutschland zu entkommen. Auch diesen unauslöschlichen Makel einer jetzt Gott sei Dank für immer vorübergegangen Zeit suchen jetzt die ultramontanen Autoren zu leugnen, zu verdunkeln und zu beschönigen, freilich ohne Erfolg. Sie lassen sich sogar zu dem Argument herab, daß die Kirche gar keinen Antheil daran habe, da diese die Verurtheilten dem weltlichen Arm überlieferte, selbst aber das Strafurtheil nicht vvllstreckte. Da der weltliche Arm vertragsmäßig gezwungen war, die Urtheile der Inquisition zum Vollzug zu bringen, so lag die Verschuldung in der Berurtheilung selbst. Uebrigens wurden auto da f6 ’s mit den prächtigsten religiösen Ceremonien umgeben und zu religiösen Volksfesten gemacht. Correspondenz. Ferrona, 15. Febr. Neuestes aus Italien. (Nach den Aich, isr.) Jüngst ernannte ein Decret zu den hohen Functionen von Senatoren zwei Israeliten: die Herren Graziado Ascoli, Professor, und Cäsar Parenzo, Advocat. Dieser, nachdem er zum Deputirten erwählt worden, begab sich von Rovigo, seiner Vaterstadt, nach Rom, wo er sich in der Ausübung seines Berufes eine bedeutende Clientdle zu verschaffen wußte. Der andere besitzt einen europäischen Ruf. In Görtz am 16. Juli 1829 geboren, zeigte er eine frühzeitige Intelligenz und für die Sprachstudien ganz besondere Anlage. Noch sehr jung machte er sich durch interessante Publicationen auf diesem Gebiete bekannt. Nach 1859 vertraute ihm die italienische Regierung den Lehrstuhl der vergleichenden Sprachenkunde in der literarischen wissenschaftlichen Academie von Mailand an. Man sagt, daß er der größte lebende Polyglotte ist und die Organe aller Parteien haben diese Wahl gebilligt. Man weiß, daß der Senat in Italien nicht wie in Frankreich oder Belgien gewählt wird. Er wird vom König aus mehreren Categorien von Bürgern ernannt, welche die Constitution bezeichnet, damit er aus den Besten des Landes gebildet ist. Bis 1876 wurde keiner unserer Glaubensgenossen hinzugelassen. Jetzt zählt diese Versammlung fünf israelitische Mitglieder, während sie im Verhältniß zur Bevölke-