Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 7 (14.7.1889)
- Date
- 1889-07-14
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
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111 egyptischen Gesetzen als Ehe angesehen werden, denn auch in Egypten ist hierzu die Kathuba (Ehevertrag) nothwendig, daß aber ein solcher geschlossen worden wäre, können auch die Zeugen nicht behaupten. Es fehlt sonach das zur Bigamie nothwendige wesentliche Kriterium, nämlich eine zweite Ehe, es mußte also wegen Mangels eines objectiven Thatbestandes das Strafoerfahren eingestellt werden. Nicht selten! Der frühere österreichische Cultus-und Unterrichtsminister, Graf Leo Thun, ist gestorben und die Wiener Blätter beschäftigen sich viel mit der Aburtheilung desselben, ob er sich Verdienste um den Staat erworben oder ihm Nachtheile zugefügt habe. In dem „N. W. Tagebl." vom 31. December spricht sich G. Wolf über die großen Fortschritte aus, welche die Gymnasien und Universitäten Oesterreichs durch diesen Minister gemacht haben. Am Schlüsse erzählt er: „Schließlich sei es mir gestattet, noch Folgendes vorzubringen. Ich hatte einmal die Ehre, von ihm in einer Audienz empfangen zu werben. Im Laufe derselben «tute er die Stelle: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", und zwar aus dem Evangelium Marcus 12, öl. Ich erlaubte mir darauf hinzuwelsen, daß diese Stelle zuerst im alten Testamente, und zwar Leviticus Cap. Ill vortomme. Da sah er mich ganz erstaunt an, daß ich so bibelkunoig sei, ließ sich aus der Bibliothek die Bibel kommen uno ich konnte ihm sofort die angeführte Stelle zeigen. Graf Thun trug sich auch mit dem Geoanken, das jüdische Geineiudewefen zu ordnen (eine Angelegenheit, die jetzt zur Lösung kommen soll,. Ec fragte micht, ob es nicht möglich wäre, die Hohepriester- Würde wieoer herzustellen, da man dann rascher zum Ziele kommen könnte. Ich mußte ihm jedoch sagen, daß dies einfach unmöglich fer. das Tobte und Ävgeporvene wirb nicht wieder lebendig." — Daß der Ausspruch „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" der Thoray eiittehul ist, ivisjen Biete nicht und Biele wollen eS nicht wissen. Nachtrag. Rußland. Petersburg, 4. Februar. (Privatmitth.) Sie möchten erfahren, auf welche Schwierigkeiten die großartige Schenkung des Barons Hirsch zur Herstellung jüdischer Schulen noch stoße und ob dieselben gehoben werden könnten. Letzteres kann wohl Nwmano sagen, der nicht zu den höchsten maß gebenden Kreisen gehört. Was die erste Frage betrifft, so haben ausländische Zeitungen berichtet, die Angelegenheit stocke wegen der Frage nach Garantien dafür, daß das Geld stets zu dem angegebenen Zwecke verwendet werde. So viel ich informirt bin, ist dies kaum der Fall; man hat sich hierüber bereits so gut wie geeinigt. Allein im gegenwärtigen Zeiträume ist die russische Staatsregierung für jüdische Schulen, für die geistige Hebung der Juden nicht eingenommen. Man wird sich erinnern, daß es Zeitpunkte gab unter Kaiser Nikolaus wie unter Alexander II., in welchen vom Ministerium der Volksaufklärung die Errichtung jüdischer Schulen eifrigst ins Auge gefaßt war. Dies ging aber bald wieder vorüber, man ließ geplante fallen und die schon errichteten verfallen. Man braucht nur daran zu denken, wie seit einigen Jahren für die Aufnahme jüdischer Zöglinge auf Gymnasien und Universitäten ein sehr geringer Procentsatz außer anderen Schwierigkeiten festgesetzt wurde. Nun bedenke man, daß in vielen Städten des ehemaligen Polens die Juden einen großen Theil, in manchen die Hälfte und in einigen die Mehrheit der Bevölkerung bilden, um diese Beschränkung zu würdigen. Das System unserer Regierung geht dahin, eine Unlfiealion im ganzen Reiche herzustellen, die Nationalitäten in das Russenthum, die Religionen und Coufessionen in die griechisch-orthodoxe Kirche aufgehen zu machen. Freilich lehrt die Geschichte, daß, wenn ein solches Umficirungswerk auf der einen Seite gelingt, es schon wieder am anderen Ende abbröckelt, denn die Natur ist mächtiger als der Mensch, und auch die griechisch-orthodoxe Kirche zählt sehr viele Sekten. Wie dem aber auch sei, eine höhere geistige Bildung der Juden stimmt nicht mit diesem System. Nun sagt zwar Baron Hirsch, diese Schulen sollen ja nicht aus die jüdische Jugend beschränkt sein, sondern auch die christliche gleichberechtigt ausnehmen. Doch solche Simultanschulen finden in Rußland keinen Anklang. Man gestattet zwar jüdischen Kindern den Besuch von Volksschulen in beschränktem Maße, sieht sie aber nicht gern und ebensowenig verspüren die Juden viel Lust dazu. Jedenfalls muß bis jetzt die Volksschule den griecknch orthodoxen Charakter haben. Man weiß, daß Baron Hirsch es mit der Simultanschule aufrichtig meint. Er sieht bie Juden als materiell bejiehende und in OsttEuropa ioie im Oriente in Elend versunkene Nationalität an, und will sie durch Schulen, besonders durch Hanowerksschulen, zu tüchtigen Arbeitern erziehen, die sich durch Arbeit und Intelligenz ans ihrer unglücklichen Lage er-, heben, überhaupt aber den Völkern sich ajsimiliren sollen. DaS religiöse Moment findet in ihm wenig Auklang, wie er denn bekanntlich seine Wohlthaten niemals auf die Errichtung oder Reparatur von Synagogen ausdehnt. Jin russischen Sinne aber soll diese Assimilation in dem Uebertritt zur russischen Kirche bestehen. Man kann sich daher denken, daß sie für jüdische Schulen nicht eingenommen ist, am wenigsten für Simultanschulen, denen der jüdische Charakterzug doch einwohnen solle. Aber ebensowenig findet der Plan in der großen Masse der Judeii Anklang, noch dazu