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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-20 · Heft 51 (20.12.1888) · p. Seite 815

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 51 (20.12.1888)
Date
1888-12-20
Page
Seite 815 (sequence 15)
Language
German
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815 Die Emigranten. (Aus einer englischen Hafenstadt.) Am Sabbath ist's. Der Frühlingsmorgenschein Fällt hell durch die bemalten Scheiben nieder Und spiegelt sich in goldnem Zierrath wieder; Denn weit geöffnet steht der heil'ge Schrein. In tiefer Andacht weilt die gläub'ge Schaar, Den Blick gewendet zu des Tempels Mitte, Wo, nach der Väter altgewohnter Sitte, Die Gotteslehre ruht auf dem Altar. Des Tages Abschnitt, mit manch' frommem Spruch, Ist schon verlesen für den heut'gen Morgen, Und sorglich aufgerollt und wohl geborgen In seid'ner Hülle, liegt das heil'ge Buch. Jetzt saßt der Prediger nach altem Brauch Und hält empor die reich geschmückte Rolle. Er fleht, daß der Allmächt'ge schützen wolle. Wie einst die Väter, nun die Enkel auch. „Er segne, die da halten sein Gebot! „Er segne stets, mit immer vollen Händen, „Die Licht und Wein der Synagoge spenden, „Dem Wand'rer Labung und dem Armen Brod." Und weiter im Gebet die Stimme schallt, Als kaum verklungen der Gemeinde Amen: „Der Kvn'ge Höchster, preiset seinen Namen, „Der Sieg verleiht den Fürsten und Gewalt. „Deß Reich ist aller Welten Königthum, „Der David, seinen Knecht, beschützt voll Güte, „Er segne und bewahre und behüte „Auch unser Herrscherhaus, heb' seinen Ruhm! „Ec stürze seine Feinde vor ihm hin, „Beglücke es auf allen seinen Wegen!" — Und Amen, Amen, tönt es zu dem Segen In vollem Chore und aus treuem Sinn. — Doch wer sind jene stillen Beter dort Ani Eingang, in des Tempels letzten Bänken, Die stumm und traurig ihre Blicke senken, Als gälte nicht für sie das Segenswort? So bleich die Züge, dürftig das Gewand, — Doch hier und da ein rührendes Bestreben Die armen Kleider sabbathlich zu heben, Ein frischer Busenstreif, ein buntes Band. Fremdlinge sind's vom fernen Osten her. Sie stiegen hier zu Land vor wenig Stunden, Und haben fromm zum Tempel sich gefunden; Denn heute noch geht's weiter über's Meer. Wie horchten freudig sie den Weisen süß, Die hier in wohlbekannter Sprache klingen, — Der erste Gruß, der traut in's Ohr macht dringen. Seitdem die Heimath grausam sie verstieß. Doch als nun für der Fürstin Heil und Glück Die hergebrachten frommen Wünsche klangen, Da rollten Thränen auf des Greises Wangen; — Der Jüngling ballt die Hand mit finsterm Blick. Wer ist ihr Fürst? Und wo ihr Vaterland? Verrathen hat sie, schnöde fortgetrieben, Das Land, dem stets ihr Streben galt und Lieben, Wo ihre Todten ruh'n, wo ihre Wiege stand. — Doch weiter tönt es vor dem Altar nun, „Der Fürstin Herz und Derer, die ihr rathen, „Erfüll' mit Huld, du Meister aller Thaten, „Um uns und unfern Brüdern wohlzuthun!" Da denken sie voll Schmerz, wie Jahr für Jahr, Allwöchentlich, am alten Heimatsorte, Sie treu gebetet diese selben Worte, Und wie ihr Flehen so vergeblich war. Verruchte Hände haben über Nacht Ein Lügennetz voll Haß und Neid gewoben, Los bricht der Pöbel wie in Wahnsinnstoben, Und Israel erliegt der Uebermacht. — Sie eilten fort, von Haus und Hof verjagt, In wilder Flucht, den Martern zu entgehen. — O, Schmach dem Land, wo solche That geschehen, Und Weh' der Macht, die hier den Schutz versagt! — Verhallt das letzte Lied. — Zur Sabbathruh' Am heim'schen Herde strömt durch's Thor die Menge, Und Gruß und Handschlag schallt durch das Gedränge - Die Heimatlosen zieh'n dem Hafen zu. Bald trägt sie westwärts hin des Schiffes Kiel, Und die in Wohlstand einst gesessen haben, Sie wandern mit der Brüder milden Gaben Zum mühevollen, unbekannten Ziel. — O mög' die wilde Fluth, des Sturmes Weh'n, Mehr Mitleid als die Landsgenossen zeigen, Und zwischen ihnen einst und jenen Feigen, Wird streng die Nachwelt zu Gerichte geh'n. Th. Mehring.

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