Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein nn-artciisches Organ sir alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,50 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Don». G-rpedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an l)r. Philippsott in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 15. November 1888. Nr. 46. InKsll. Leitende Artikel: Einige Charakterzüge vom Tage. VII. — Bilder aus dem Leben des Volkes Israel. (Schluß.) Zeituilgsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Kassel, Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Wien, S.-A.-Ujhely. — Belgien: Brüssel. — Holland: Aus dem Haag. — Rußland: Petersburg, Von der russischen Grenze. — Palästina: Homburg v. d. Höhe. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Noch einmal Richard Wagner. — Vermischtest Bonn, 11, November. Einige CharnkterMge vom Tage. m Es war, wenn wir nicht irren, der Minister Graf Salvendi unter der Negierung Ludwig Philipp's, der sagte: „Wir tanzen auf einem Vulkan!" Run kann man nicht sagen, daß wir gegenwärtig „tanzen", auch ist es wohl Niemandem tanzlustig zu Muthe. Aber daß selbst, wenn die Oberfläche des politischen und socialen Lebens ruhig, friedlich scheint, unter ihr ein Wühlen und Gähren vorhanden ist, eine Spannung politischer Dünste in ungekannten Höhlungen, kann der sorgfältige Beobachter sich nicht verhehlen. Ob und wann es zu Ausbrüchen käme, vermag man nicht vorauszusehcn. Mit den Siegen der deutschen Waffen in Frankreich war der Abzug der französischen Garnison aus "Rom und der Einzug des italienischen Heeres in die ewige Stadt und hiermit die Besitzergreifung derselben durch Italien und die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes verbunden. Alsbald wurde von katholischer Seite an das neu gegründete deutsche Reich das Verlangen gestellt, dem Papste seinen weltlichen Thron wieder zu erobern. Das Verlangen wurde äbgewiesen und dies wurde der Krystallisationspnnkt des Centrums im Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause. Hieraus entwickelte sich wieder der sogenannte Culturkampf. Jedermann weiß, daß durch Verhandlungen der deutschen und preußischen Regierung mit dem gegenwärtigen Papste ein gewisser woäns vivsnäi hergestellt ward. Da treten nun neue Vorgänge auf, welche den Kampf zwischen der römischen Kirche und dem Staate als durchaus nicht beendet anzuzeige» scheinen. Niemand setzi dies auch für alle Zeit voraus, mir daß schon jetzt wieder der Tomahawk ausgegraben werden soll, überrascht. Zwei Symptome nämlich machen sich bemerkbar. Die Conferenz der deutschen Bischöfe und die Versammlung der deutschen Katholiken haben einen lauten Protest gegen die fortgesetzte Besitznahme Roms durch den italienischen Staat erhoben und verlangen die Wiederherstellung des Kirchenstaates — also ein Vorspiel wie 1871. Man kündigte auch ähnliche Versammlungen in den katholischen Staaten an, zunächst in Löwen, bis jetzt ist aber keine solche zu Stande gekommen. Ein zweites Symptom besteht in den Hirtenbriefen des Erzbischofs von Köln und der Bischöfe von Münster und Fulda, welche die Wahle» zum Abgeordnetenhause zu beeinflussen streben, indem sie ihre Divcesanen zur Wahl von Ccntrumsmännern verpflichten. Es ist dies offenbar ein Eingreifen der Kirche in staatliche Verhältnisse. Aber diesen Symptomen folgt auch bereits die Erfüllung. Schon in früheren Sessionen verkündete der Abg. Windthorst, daß die Kirche mit den errungenen Zugeständnissen nicht zufrieden sein, sonder» nunmehr der Kampf um die Schule anheben werde. Er brachte denn auch einen Antrag ein, der die Schule der Kirche so gut wie ausliesern soll. Er zog ihn vor dem Schluß der letzte» Session zwar 46