Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-08 · Heft 45 (8.11.1888) · p. Seite 715

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 45 (8.11.1888)
Date
1888-11-08
Page
Seite 715 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227763--45741-3265272
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

715 in Kassel wurden 229 Nationalliberale und nur 5 Antisemiten zu Wahlmännern gewählt, und in Marburg gelang es nur zwei Antisemiten, den Nationalliberalen gegenüber, zu Wahlmännern gewählt zu werden. Berlin, 31. Oktober. (Privatmitth.) Bei der gestrigen Wahl der Wahlmännerwahlen haben die Fortschrittlichen in allen vier Berliner Wahlkreisen die Mehrheit erlangt. Stöcker und Genossen sind also in Berlin durchgefallen. — Daß sich die Untersuchung gegen Geheimrath Geffken so lange hinzieht, daraus schließt man, daß doch Gründe vorliegen müssen, die zu einer Anklage führen können. Bon einer Parteinahme kann nicht die Rede sein, da Geffken ein hochconservativer und hochorthodoxer Mann ist, der viel Vertrauen in oberen Regionen besaß. Auch erinnert man sich jetzt, daß Geffken — Antisemit ist und daraus kein Hehl machte. Im Jahre 1885 erschien im „Hamb. Corresp." ein Aufsatz des G., in welchem die antisemitischen Redensarten eine Rolle spielten. Dies veranlaßte einen jüdischen Juristen, Robert Heinemann in Lüneburg, in einem trefflichen „Offenen Sendschreiben" den Geheimrath Geffken zur Rede zu stellen. Das Sendschreiben erschien ebenfalls im „Hamb. Corresp." und in dieser Zeitung. Jahrg. 1885. S. 525. — Berlin, 28. Oktober. Ein herrliches Schauspiel bieten die Antisemiten in ihrem Innern dar! Sie sind in zwei Lager, die Stöckerianer und die Böckelianer, gespalten und wie vertragen sie sich! Nachdem sich am Mittwoch Abend die Führer des deutschen Antisemiten-Bundes in einer antisemitischen Wählerversammlung im Jlges'schen Saale in Moabit für eine Unterstützung Stöckers im dritten Wahlkreise ausgesprochen hatten, hielten es die Anhänger Böckels, von der reinsten antisemitischen Observanz, für geboten, zu gestern Abend eine öffentliche antisemitische Volksversammlung nach dem Saale der Bötzow'schen Brauerei vor dem Prenzlauer Thor einzuberufen, um in derselben die Frage: „Wen wählen die Antisemiten Berlins?" zum Austrag zu bringen. Die Versammlung nahm einen so stürmischen Verlauf, daß der überwachende Polizeilieutenant mehrmals mit der Auflösung derselben drohte. Die „Böckelianer" Bodeck und Blavier kündigten in aller Form, deren eine rein antisemitische Seele nur fähig ist, der conservativen Partei und Herrn Stöcker die Gefolgschaft. Herr Bodeck meinte: „Dieser Gesellschaft conscrvativer Judenknechte bei ihrer diesmaligen Stimmenlese noch einen Beitrag entrichten zu wollen, hieße sich entehren." Herr Blavier rechnete mit dem Hofprediger Stöcker, seinem einstigen Lehrer und Vorkämpfer, recht heftig ab: „Herr Stöcker, so sagte er, sei niemals Antisemit gewesen; er wolle die Juden nur „veredeln", deßhalb habe seine Frau auch ihre Einkäufe bei Juden (Victor Manheimer) gemacht. (Furchtbarer Lärm und Widerspruch.) Blavier: Das ist eine Thatsache, die ich beweisen kann. Stöcker hat bis heute nicht widerrufen und er hätte das thun müssen, wenn die Angriffe nicht wahr waren. (Pfui! Judenknecht! Erbärmlich!) Bei allen entscheidenden Abstimmungen, und wo es galt, im Reichstage gegen das Judenthum aufzutreten, habe Stöcker gefehlt. Sein intimster Kampfgenosse sei jetzt der Oberverwaltungsgerichtsrath Hahn, der Bruder des bekannten „Preßjuden Hahn". (Erneuter Lärm. 'Ruf: Das ist 'ne „Ente".) Meinetwegen nennen Sie cs und uns wie Sie wollen. Sie sind ja doch nur conservative Judenknechte! (Stürmische Entrüstung auf der einen, unbändige Heiterkeit auf der anderen Seite.) Nach langer Discussion, in welcher Anhänger des Herrn Stöcker mehrfach zum Wort kamen, versuchte es gegen Mitternacht Herr Blavier, eine Erklärung zur Annahme zu bringen, welche den Antisemiten Wahlenthaltung empfiehlt. Die Abstimmung wurde aber durch wüsten Lärm der Stöckerianer verhindert, die sich freilich in der Minderzahl befanden. Fortwährende Hochrufe auf Stöcker beantworteten die „reinen" Antisemiten mit Hochrufen auf Böckel. Der Wirth des Lokals machte dem Lärmen endlich dadurch ein Ende, daß er das electrische Licht ausgehen ließ und so die Gesellschaft zum Auseinandergehen zwang. Potsdam, 19. Oktober. (Potsd. Ztg.) Die Gedächtnißfeier für Kaiser Friedrich, welche gestern der Bürgerverein im Casö Bismarck veranstaltete, war eine außerordentlich imposante. Nicht nur war der geschmackvoll mit der Büste des verstorbenen Kaisers, mit hochstämmigen Topfgewächsen und Guirlanden geschmackvoll decorirte geräumige Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, nicht nur auf den Gallerien und Corridoren standen die Einlaß Begehrenden, sondern Hunderte mußten zurückkehren, ohne Eintritt erlangt zu haben. Der Andrang war ein so starker, daß kaum ein Saal in Potsdam dem Bedürsniß genügt hätte. Nach dem Gesang des Potsdamer Männergesangvereins unter Leitung des Herrn Gebhard, ergriff Herr Rabbiner De. Cohn das Wort zu der Gedächtnißrede, in welcher er ein Bild von den menschlichen und staatsmännischen Tugenden des großen Todten und ihrer Bethätigung in den verschiedenen großen Momenten seines Lebens entwarf. Ergriffen lauschte die Versammlung stehend den Schlußworten des Redners, in welcher er die Treue des Heimgegangenen Kaisers mit dem oratorischen Schwung des Kanzelredners feierte. Ein Schlußgesang endete die stimmungsvolle Feier. Köln, 29. Oktober. Gestern fand hier eine Versammlung der nationalliberalen Parteit statt. Aus einer längeren Rede des Gymnasialdirectors Di°. Jäger-Köln über Schulantrag und römische Frage war am bemcrkenswerthesten der Eingang, in welchem eine Bemerkung an die israelitischen Mitbürger gerichtet wurde. Letztere, so hieß es, seien etwas empfindlich, weil die nationalliberale Partei sich nicht ausdrücklich und mit klaren Worten vom Antisemitismus lossage. 45*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.