Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-01 · Heft 44 (1.11.1888) · p. Seite 703

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 44 (1.11.1888)
Date
1888-11-01
Page
Seite 703 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227762--45728-3265258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

703 Kurzem erschienenen Buche des leider in diesem Sommer plötzlich verschiedenen Professors an der Bonner Universität vom Rath, welcher seine, wissenschaftlichen Zwecken gewidmete Reise in Nordamerika — er war Geologe — beschreibt. (Pennsylvanien, Heidelberg, Winter 1888.) Der Verfasser befand sich mit seiner Gattin in Washington, und schreibt nun: „Wir wohnten in der Pennsylvania Avenue, welche IV2 Ml. lang vom Kapitol gegen WNW. zum Schatzamt und zum weißen Hause führt. Durch die Klänge der Musik ans Fenster gelockt, sahen wir einen großen Festzug von Negern (Ooioreä), deren Freude und Feststimmung die Wahrheit des Wortes, Wellington is the Paradise of the colored people zu beweisen schien. Zahlreiche Genossenschaften und Orden, zahlreiche Reiter, eine Menge von Wagen mit herrlich geschmückten dunklen Damen bewegten sich im Zuge, der 1 Ml. lang war. Nur wenige Kellner waren im Gasthofe zurückgeblieben, und auch diese verriethen die äußerste Ungeduld, am Samaritenfeste theilzunehmeu. Zu den erfreulichsten Zügen in der neueren Entwickelung der Vereinigten Staaten gehört das Emporkommen der Neger. Unsere Wahrnehmungen und Erkundigungen haben im wesentlichen die Wahrheit bestätigt, welche Herr Hiram Hatch, Attorney und Counsellor in New-Aork, am ersten Tage unseres Aufenthalts in der neuen Welt anssagte: „Gott hat es so gefügt, daß wenn die Südstaaten jetzt nochmals vor die Entscheidung gestellt würden, ob Sklaverei, ob freie Arbeit, sie sich einmüthig für letztere, für Aufhebung der Sklaverei entscheiden würden. Nachdem die Entwickelung jener Staaten einige Jahre zurückgeblieben, gehen sie jetzt einem wunderbaren Aufschwung entgegen." Wenn man erwägt, daß noch vor einem Vierteljahrhundert in einem so großen Theil der Union Sklaverei herrschte, so ist der Umschwung ein ungeheurer und über Erhoffen glücklich durchgeführt worden. Die Neger haben ein außerordentliches Bildungsstreben; viele gelangen zu Vermögen und Ansehen. Wir selbst waren niemals Augenzeugen, daß Schwarze Zurücksetzungen zu erdulden hatten, oder daß man sich einer Ungehörigkeit gegen sie schuldig gemacht hätte. Doch mag dies Vorkommen, wie die Beschwerde des schwarzen Bischofs, Rev. Turner, in den gelesensten Zeitungen zu beweisen scheint, seine Gemahlin sei in die Rauchabtheilung des Bahnzuges verwiesen worden, „während doch jedes weiße weibliche Wesen, auch wenn es den verworfensten Elementen angehöre, wie eine Königin behandelt werde." Daß die „Gesellschaft" sich im Allgemeinen ablehnend gegen Schwarze bezw. Mischlinge verhält, ist begreiflich genug (da diese Kreise stets und überall dem Fortschritt der humanen Ideen nur langsam folgen), doch von keiner Bedeutung für das Staatsleben. Im großen und ganzen scheint die rechtliche und thatsächliche Stellung der Neger, auch in den Südstaaten, zu einer gegründeten Klage keine Veranlassung zu bieten. Nach mehrhunderljährigem Unrecht haben die Nachkommen der Unterdrückten, der freventlich ihrer Menschenrechte Beraubten, Gerechtigkeit gefunden; sie sind Bürger eines der größten Gemeinwesens der Erde und haben es tausendmal besser als ihre Brüder in Afrika. Aus der Geschichte Altofens. Aus Ofen vertrieben, wandten sich die Juden wieder nach Altofen, wo sie schon während der Türkenzeit eine ansehnliche Gemeinde gebildet hatten. Um diese Zeit gehörte Altofen den Grafen Zichy, deren Domänen sich bis hinauf nach VisegrLd erstreckten. Die Herrschaftsbesitzer nahmen die Vertriebenen gastlich auf und gestatteten ihnen, auf dem weiten, freien Raum in der heutigen Lajosgasse, welcher gegenwärtig die Nummer 201 trägt, eine Synagoge zu erbauen. Diese mußte der damals herrschenden Sitte gemäß auf einem möglichst versteckten Platze errichtet werden, denn noch war die Erinnerung nicht geschwunden an jene finstere Zeit des Mittelalters, da die Juden nur in Kellerräumen zu gemeinsamer Andacht zusammentreten konnten. So wurde also die erste Synagoge in Altofen nicht an der Straße, sondern weit hinten aus der Hofe erbaut, und damit sie von der Straße aus nicht gesehen werde, wurde die Fayade derselben durch niedrige Häuschen verstellt. Als unter Maria Theresia die Zichy'schen Besitzungen in das Eigenthum der Kammer übergingen, wogegen die Grafen Zichy durch bedeutende Latifundien im Veßprimer und Weißenburger Comitat entschädigt wurden, da ward die Schenkung der hochherzigen Grafen auch seitens der Kameralherrschaft bestätigt und grundbücherlich auf die jüdische Gemeinde übertragen. Bald erwies sich indeß die alte Synagoge für die rasch anwachsende Gemeinde zu klein. Im Jahre 1818 wurde der Bau eines neuen Gotteshauses beschlossen und ein opferwilliges Mitglied der Gemeinde, S. Boscovitz, streckte das ganze erforderliche Capital von 60,000 Gulden Wiener Währung als zinsfreies Darlehen vor. Die neue Synagoge, welche noch heute eine architectonische Zierde der Hauptstadt bildet, ward im griechischen Styl erbaut. Im Jahre 1821 stand sie vollendet da. Der Tempel ist ein Prostylos. Der Abacus ruht auf sechs mächtigen corinthischen Säulen, die einen außergewöhnlich harmonischen Eindruck auf den Beschauer machen. Palatin Josef führte nicht selten seine Gäste zu diesem Bau, dessen Schönheiten er mit beredten Worten pries. Die jüdische Gemeinde Altofens, welche vor einem halben Jahrhundert noch die angesehenste Ungarns war, verdankte einen Theil ihres Rufes diesem Tempel, welcher auch reiche Gold- und Silberschätze umschloß. Die heiligen, aus Silber verfertigten Geräthschaften allein wogen drei und einen halben Centner. Unter ihnen befanden sich einzelne Stücke von hohem künstlerischen Werthe. Ein Tischchen, aus getriebenem Silber, welches als Waschbecken für die Ahroniden diente, wurde dem „alten Palatin" zum Geschenk gemacht. Nahezu zwei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.