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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-10-25 · Heft 43 (25.10.1888) · p. Seite 687

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 43 (25.10.1888)
Date
1888-10-25
Page
Seite 687 (sequence 15)
Language
German
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687 den Hintergrund. Doch Isidor nahm seine schwere Pflicht muthig auf sich; mit der Thronbesteigung Napoleon III. kehrte die Ruhe zurück und der neue Großrabbiner von Paris konnte sich ungestört seinen Pflichten widmen. Wenn er über die 40 Jahre seiner Wirksamkeit in Paris zurück blickte, so konnte er mit Befriedigung auf die Gunst des göttlichen Geschickes und auf die erreichten Resultate schauen. In der That war während dieser Zeit Paris zu einer der größten bestehenden Gemeinden herangewachsen; zahlreiche Institute des Gottesdienstes — wie die beiden neuen großen Tempel und die portugiesische Synagoge beweisen — des Schulwesens, das jetzt mit den Radicalen zu kämpfen hat und der Wohlthätigkeit, diese in sehr großem Umfange, erstanden, und an alledem hatte Isidor einen Antheil durch seinen aufrichtigen Eifer, seine Mäßigung und Weisheit. Bis zum Jahre 1865 sungirte Isidor als Großrabbiner von Paris. In diesem Jahre starb Salomon Ulmann, der Großrabbiner des Centralconsistoriums und Isidor wurde einstimmig zu diesem Amte berufen. Bekanntlich war es Napoleon I., der die israelitische Consistorialverfassung mit Departemental- und einem Centralconsistorium einrichtete. Das Großrabbinat des Centralconsistoriums hatte bis jetzt sieben Würdenträger. Der erste, Segrs, starb 1809. Sintzheim (David) 1809 bis 1812, früher Alterspräsident des großen Sanhedrin. Abraham Ritter Cologna bis 1827. In Mantua 1755 geboren, wurde er 1827 zum Oberrabbiner von Triest gewählt, wo er 1832 starb. Emanuel Deutz bis 1812, zu Coblenz am 8. September 1764 geboren. Er starb zu Paris am 2. Februar 1842. Marchand Ennery 1846—1852. Geboren zu Manch am 25. November 1791, machte er seine Talmndstndien in Mainz und war Lehrer an der israelitschen Schule zu Nancy. 1830 wurde er Graßrabbiner von Paris und 1846 vom Centralconsistorium. Der letzte vor Isidor war Salomon Ulmann 1853—1865. Er war der erste seines Ranges, der in der Rabbinerschule Frankreichs gebildet worden. Am 6. Juni 1806 in Saverne geboren, war er zuerst Rabbiner in Leuterburg, dann Großrabbiner in Nancy und wurde 1853 nach Paris berufen. Der sel. Isidor hat das Großrabbinat von Frankreich 21 Jahre bekleidet, und wird sein Andenken und die Anerkennung seiner Verdienste lange Zeit lebendig bleiben. Vermischtes. Ein Gefchichtchen aus vergangener Zeit. Es war iit den vierziger Jahren, 1843 oder 1844. Das damalige Aussehen der Stadt Pest ist den Aelteren der heutigen Generation noch aus eigener Erinnerung, den Jüngeren aus der reichen monographischen Literatur über jene Zeiten bekannt. Der heurige Elisabethplatz, dieser prachtvolle Park mit seinem stattlichen Kiosk, war damals eine morastige Einöde, Pfad- und grundlos, des Nachts in dichte Finsterniß gehüllt, ziemlich an der letzten äußersten Enceinte der Stadt gelegen, unheimlich und verrufen, so daß Jedermann Bedenken trug, den Platz nach Einbruch der Dunkelheit zu passiren. Da hielt eines Tages eine zahlreiche Truppe von Kunstreitern ihren glanz- und geräuschvollen Einzug in Pest, eine Cirkusgesellschaft, welche nach den Namen ihrer Directoren „Cousin & Lejards" firmirte. Sie erwirkten von einer hochlöblichen Stadtbehörde die Lizenz, „hierorts Spektakelvorstellungen zu geben", erbauten mitten auf dem öden Platze einen stattlichen, geräumigen Cirkus, legten Fuß- und Fahrwege nach allen Richtungen der Stadt hin an, sorgten für Beleuchtung derselben, empfahlen sich in riesigen Placaten und prunkvollen Umzügen mit türkischer Musik „der wohlgeneigten Gunst eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publicums", eröffneten Anfangs September ihre Vorstellungen und —- prosperirten in geradezu unerhörter Weise. Tie Prachithiere des reichen Marstalls, die Leistungen der Reiter, Gymnastiker und Clowns, der Pomp der Costüme zog Hoch und Niedrig nach dem Cirkus und der verödete Plan wurde alsbald das allabendliche Rendezvous der Pester Gesellschaft. Die great attraction des Cirkus aber war die Negertruppe des Cirkus, zwölf Herren und zwölf Damen, dunkelfarbige Menschen, die in ihren phantastischen Costümen mit ihren unerhört kühnen gymnastischen Evolutionen und ihren originellen Tanz- und Musikleistungen das Publicum schier aus Rand und Band brachten. Das Schiff der Herrrn Cousin & Lejards fuhr mit vollgeschwellten Segeln lustig dahin, als der Versöhnungstag ins Land ging. Am Tage vorher zeigten große Affichen an, daß der Cirkus heute Abends geschlossen bleibe. Im Publicum — dessen Gunst hatte sich dem Cirkus in solchem Maße zugewendet, daß es selbst eine Vorstellung nicht gern missen mochte — zerbrach man sich den Kopf über die Ursache und erklärte sich die Verfügung zumeist daraus, daß die Judenschaft an diesem Abende der Vorstellung fern geblieben und daher nur ein spärlicher Besuch zu erwarten gewesen sein würde. Der eigentliche Grund der directionellen Verfügung war aber ein anderer. Am Morgen des Festtages erschienen im Tempel der Pester Judengemeinde — die sämmtlichen vierundzwanzig Mitglieder der Negertruppe des Cirkus, die Herren im Salonanzuge, den Gebetmantel um die Schulter im Parterre, die Damen in Feiertagskleidung auf der Frauengalerie. Die gesammte Karawane vom Senegal waren recht gläubige, fromme Juden. Sie harrten eifrig und erbaulich den ganzen Tag über bei den gottesdienstlichen Uebungen aus, fastend und betend, wie alle Einheimischen. Am Abend dieses Tages war im Cirkus die gesammte Judenschaft von Pest, Ofen und vom — Senegal im Zuschauerraum und in der Manege versammelt und Hunderte von Andrängenden mußten den Rückweg antreten, weil der Cirkus Cousin & Lejards keinen Raum mehr bot.

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