Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-08-30 · Heft 35 (30.8.1888) · p. Seite 559

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 35 (30.8.1888)
Date
1888-08-30
Page
Seite 559 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227753--45575-3265096
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

559 Diese Lehrweise erfüllte die besten Köpfe mit einem Selbstvertrauen, welches sie von jeder andern Wissenschaft ablenkte, die dem Scharfsinnne keine Gelegenheit bot, sich herumzutummeln. *) — Ebenso bezogen sie ihre Lehrer oder besser Schulhalter aus Polen (polnische Melamdim), die den polnisch-deutschen Jargon einführten und die Umgangssprache der Juden lächerlich machten. — Und wollten sie eine» Vorsänger engagiren, so wandten sie sich ebenfalls nach Polen. Die Polen hatten starke Singstimmen, aber ihr Gesang war wild, regellos und artete sehr oft in mißgestaltetes Schreien aus, in welches die Gemeinde oft einstimnite, was der Synagoge den Namen „Judenschule" verschaffte. — So verblieb es bis tief ins 18. Jahrhundert hinein, bis die Sonne der Aufklärung in Deutschland zu dämmern anfing und bis Mendelssohn austrat, durch seine Wirksamkeit es eine Wendung zum Bessern gab. Durch seine populär-philosophischen Schriften hat er auf die allgemeine deutsche Cultur wohlthätig eingewirkt, durch seinen Phädon hat er in den deutschen Schulen de» Sinn für die wichtige sokratische Methode geweckt, und durch die Ucbersetzung des Pentateuchs ins reine Deutsch hat er jenen polnisch-deutschen Jargon aus den jüdischen Schulen verdrängt und bei der israel. Jugend den! Sinn für deutsche Bildung geweckt. Beim Talmudstudium wurde der Pilpul allmälig verdrängt und nach der einfachen Sachkenntniß geforscht. Und was den Synagogengesang anüelangt, so war Wien der Ort, wo zuerst der Cantor Sulzer j es unternahm, die alten ehrwürdigen synagogalen Melodien von ihren Mißgestalten und Ausgeburten zu reinigen und sie den Regeln der Musitkunst zu unterziehen, ihm folgte Cahn in München, und in den zwanziger Jahren unsres Jahrhunderts war cs mein seliger Schwiegervater, der berühmte Musiker Herz (H. H.) von hier, der die noch jetzt bei uns üblichen Synagogengesänge componirte, die namentlich an den hohen Festtagen alle Theilnehmer an den« öffentlichen Gottesdienst erheben, erbauen und zur Andacht stimmen, und die sich besonders dadurch auszeichnen, daß sie sich streng an den Sinn des hebräischen Textes anschließen. Und wenn man die Kürze und Gedrängtheit der hebräischen Sprache bedenkt, und wie in ihr sich die Gefühle der Furcht und Hoffnung, der Freude und Trauer, der Lust und des Schmerzes schnell abwechseln, so muß man zu dem Schluffe kommen, daß seine Compositione» das Product mühevoller, künstlerischer Arbeit gewesen sein mußten. M. Mannheimer. >) Es ist wohl anzunehme», daß jetzt auch in Polen der Pilpul aus dem Talmudstudium gewichen ist und daß auch daselbst die Syuagogengesänge den Regeln der Kunst unterzogen worden sind. — Eorresp. Nur an wenigen Orten, und auch da nur bei Parteispaltnng. Redact. Vermischtes. vr. Alexander Strakosch am kaiserlichen Hose. Es giebt jetzt Höfe, an welchen jüdische Künstler, welches Ranges sie in ihrer Kunst auch seien, nicht erscheinen dürften. Man wird deshalb folgenden Bericht auch hier gern lesen. Man meldet aus Ischl, 9. August: Professor Alexander Strakosch hat heute auf Wunsch Ihrer Majestät einen Vortrag bei Hofe gehalten. Um 5 Uhr Abends brachte ein Hofivagen den berühmten Recitator in die Kaiservilla, woselbst Professor Strakosch von der Gräfin Kornis empfangen und in den großen Saal geleitet wurde. Dem Vortrage wohnten bei: Ihre Majestäten, Erzherzogin Valerie, Prinzessin Gisela, Prinz Leopold und die Hofdamen Mailüth und Kornis. Nach der Recitation der Forumsceue aus „Julius Cäsar", die sich der schmeichelhafteste» Aufnahme erfreute, begehrte Ihre Majestät Heiue's „Wallfahrt vo» Kevlaar" zu hören. Die hohen Herrschaften zollte» dem stimmungsvollen Bortrage des Gedichtes Worte der wärmsten Anerkennung, die Königin fügte jedoch lächelnd hinzu: „Sie haben eine Strophe weggelassen, die Strophe: „Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken, der jetzo geht auf dem Seil, gar mancher spielt jetzt die Bratsche, bcm dort kein Finger war heil." Professor Strakosch erwiderte, daß er die wunderbare Stimmung des Gedichtes durch die Ironie, die durch jene Strophe blitzt, nicht habe zerreißen wollen. — Nach dem folgenden Vortrage: Coppöe's „Strandgut", wurde im Nebensaale Kaffee eingenommen und Professor Strakosch eingeladen, an der Tafel theilzunehmen. Das Tischgespräch drehte sich um Strakosch's Fahrten in Amerika. Die hohe Gesellschaft wurde durch Strakosch's Erzählungen in die heiterste Stimmung versetzt. Se. Majestät spendete der Kunst des Recitators volles Lob und die Königin erklärte, daß der Vortrag sie tief ergriffen habe. Von Heinrich Heine sagte Ihre Majestät: „Ich verehre diesen Dichter, dem die seltene Kunst eigen war, trotz unsäglicher Leiden so Vorzügliches zu schaffen zum Genüsse kommender Geschlechter." Auch aus Lord Byron kam die Rede, dessen Werke Ihrer Majestät nicht minder geläufig sind, wie jene des vielverlästerten deutschen Poeten. Gegen 7 Uhr begab sich die Gesellschaft wieder in den großen Saal, wo Strakosch noch Einiges aus „Uriel Acosta" recitirte und dann auf Wunsch Ihrer Majestät abermals ein Heiue'sches Gedicht: „Die beiden Grenadiere" (dieses vollkommen unverkürzt) zum Bortrag brachte. Professor Strakosch beschloß seine Recitation mit Schiller's „Taucher", und zwar auf specielles Ersuchen der Erzherzogin Valerie. Nach dritthalbstündigem Verweilen in der Villa verließ Professor Strakosch um halb 8 Uhr das kaiserliche Lustschloß.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.