Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-12 · Heft 28 (12.7.1888) · p. Seite 436

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 28 (12.7.1888)
Date
1888-07-12
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227746--45445-3264959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

436 kämpften Gegenstand in diesem selbstgemachten Lichte als höchst irrig und verderblich zu erweisen. Die Encyelica berührt sodann Fragen des Cultus, der Presse, der Rede- und der Lehrfreiheit, und stellt den Satz auf, daß die Kirche grundsätzlich und rechtens keine andere Freiheit, als nach göttlicher Offenbarung und gemäß den reinen Satzungen der Kirche zu leben und zu handeln, anerkenne. Man sieht ein, daß bis dahin Leo XIII. durchaus nichts Anderes verkündet, als was Pius IX. auch gethan, nur daß er eine viel mildere Form wählt und sich eines gewissen Raisonnements bedient. Der Kern bleibt derselbe: das römisch-kirchliche Gesetz ist allein das rechtsgiltige und die einzige Freiheit die, nach den Satzungen der Kirche zu leben und zu handeln. Von hier aus aber schlägt Leo XIII. eine andere Richtung ein. Er sagt: Die Kirche wisse jedoch der menschlichen Unvollkommenheit Rechnung zu tragen und dort, wo sonst leicht ein größeres Uebel entstehen könnte, von der strengen Beobachtung dieses ihres reinen Grundsatzes abzusehen. Aus dem Universal-Charakter der Kirche leitet er für sie das Recht ab, überall ihr Wort für den Sieg der Wahrheit — wie sie diese versteht — ertönen zu lassen. — Bis hierher erfahren wir nichts Neues; es sind die alten streng kirchlichen Ansichten, denn daß da, wo es die Kirche nicht hindern kann, selbst das non possumus seine Grenze findet, kann nicht als ein neuer Einfall angesehen werden. Die Hauptsache, der Zweck des ganzen Schriftstückes tritt daher erst am Schluffe zu Tage. Es wird da die Erklärung abgegeben, „daß es nicht angehe, die Freiheit der Presse, des Cultus und der Wissenschaft als ein unveräußerliches Menschenrecht zu fordern; immerhin könnten aber Freiheiten, wo sie bestehen und der Volksart entsprechen, von der Kirche geduldet werden, die sich einer gemäßigten Volksregierung ebenso wenig widersetze, wie sie jemals eine Regierung ihrer Form wegen bekämpft habe." Hiermit hat der Papst Leo XIII. das System formulirt, das er thatsächlich bis jetzt geübt hat. Was er nicht hindern kann, das bekämpft er nicht offen, sondern „duldet" es, um „größeres Uebel zu vermeiden". Er beschränkt also die ecclesia militans auf das Feld, auf welchem sie wirksam streiten kann. Die Encyelica ist demnach immerhin eine Art Friedensmanifest, welches zwar alle für die Herrschaft der Kirche in Anspruch genommenen Rechte de jure aufrecht erhält, de facto aber auch jenen Widerstrebendes duldet, wenn es Staat und Volk angenommen haben. Obgleich nun unter den vom Papste aufgezählten zu duldenden Freiheiten die Freiheit des Cultus, also auch die Gleichberechtigung der Confessionen nicht aufgezählt ist, so wird die Kirche doch auch diese dulden müssen und deshalb dulden, und wir haben von dieser Seite her nichts zu fürchten. In Wirklichkeit haben denn auch die Führer des Centrums im deutschen Reichstage wiederholt gegen jede Beeinträchtigung der Gleichberechtigung ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses gesprochen und gestimmt. New-Jork, im Juni. Sericht des Arbeits - Uachwcisungs - ßureau der Vereinigten jüdischen Wohlthätigkeits-Gcsellschaftcn der Stadt Uew-Vork, für das Geschäftsjahr 1887. James H. Hoffman»,Vorsitzender desComiliis. A.Reich ow,Clerk. (Schluß.) Der große Einfluß, welchen die Einwanderung auf den Arbeitsmarkt im Allgemeine» und die jüdische Einwanderung auf die Thätigkeit unserer Gesellschaft im Besonderen ausübt, veranlaßt uns, die direkten Wirkungen derselben hier ausführlicher zu behandeln. Von den im hiesigen Hafen während des abgeschlossenen Jahres gelandeten 25,788 jüdischen Einwanderern sind 7,591 nach ferneren Ansiedlungplätzen weitergereist, während 18,197 in hiesiger Stadt verblieben sind. Abgesehen von der Hülfsleistung, welche unser Einwanderungsbureau im Castle Garden der jüdischen Gesammt- Einwanderung sofort nach Landung im hiesigen Hafen widmet, war fast die Hälfte der hier verbliebenen Neu-Einwandercr auf die Unterstützung unserer Gesellschaft mehr oder weniger angewiesen. In der einen oder anderen Form hatten wir während des abgeschlossenen Jahres 7676 Neueingewanderte wie folgt zu unterstützen: 4035 Mitglieder von 807 neueingewanderte» Familien, durch größere oder kleinere Geldbeträge, 2305 Personen durch Versorgung mit Arbeitsplätzen, 7676 ' 496 mit Reisespesen nach Bestimmungsorten außerhalb der Stadt oder Rückfahrt nach Europa, 840 Personen durch Verschaffung von Gelegenheiten zur Heimkehr nach Europa auf Frachtdampfern. Außerdem hatten wir eine große Anzahl derselben durch Versorgung mit Bekleidung, zeitweiliger Wohnung und Verpflegung, Handwerkszeug und ärztlicher Hülfe zu unterstützen. Wir können aber mit Befriedigung hinzufügen, daß in den meisten Fällen schon eine einmalige Unterstützung deni Neueingewanderten als eine genügende Hülfe sich erwiesen hat, und daß im abgeschlossenen Jahre die jüdische Einwanderung eine Klasse besser zu verwerthender Kräfte hierhergcbracht, als es in den früheren Jahren der Fall war. Wir würden sicherlich über noch günstigere Resultate bei der Verwerthung der jüdischen Einwanderung zu berichten haben, wenn unsere Schutzbefohlenen schon in ihren Heimaths-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.