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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-07-05 · Heft 27 (5.7.1888) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 27 (5.7.1888)
Date
1888-07-05
Page
Seite 431 (sequence 15)
Language
German
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431 die Leser der früheren Schriften keine Kenntniß. Endlich hat Renan unternommen, eine Geschichte des Volkes Israel zu schreiben, deren ersten Theil wir besprochen haben und der in wohlwollendem Sinne, aber nach einer gewiß widerspruchsvollen Kritik abgefaßt ist. Hierzu kommt, daß, während Strauß durch die Trockenheit seiner Schreibart, durch das Nüchterne seiner Behandlungswelse, eben nur das denkende Publikum anzog und da er seitdem überholt worden, nur historisch-kritisch noch wirksam ist, Renan durch seinen ausgezeichneten, reizvollen Styl, durch sein poetisches und phantastisches Colorit das allgemeine Publikum fesselt, und er deshalb in Frankreich einen enthusiastischen Beifall, in Deutschland großen Anklang fand. Hat sich diese Stimmung jenseits und diesseits der Vogesen auch bereits vielfach abgeschwächt, so sieht man doch ein, daß auch wir Juden ein besonderes Interesse an diesem wirkungsreichen Schriftsteller haben. Eine genauere Schilderung seiner Persönlichkeit wird deshalb auch an dieser Stelle Theilnahme finden und berechtigt sein. Wir entnehmen diese einem vor Kurzem erschienenen französischen Werke. Jules Lemaitre ist einer j der vorzüglichsten jetzigen Kritiker Frankreichs. Man kann ihm eine volle Unparteilichkeit zuschreiben. In seinen Kritiken strebt er danach, ebenso sehr den Vorzügen der von ihm besprochenen Autoren gerecht zu werden, wie ihre Mängel nachdrücklich zu betonen. Auch er erfreut sich eines echt französischen anmuthigen Styls, in welchem Ernst und Humor, warme Begeisterung und bittere Ironie mit einander verschmolzen sind. Jetzt liegt eine Sammlung seiner Kritiken, die er in der Bevue bleue (litteraire et politique) veröffentlicht hat: „Les contemporains, etudes et portraits litteraires, premiere Serie, 9, edition“ (Paris, Lecfene & Oudin, 1887) vor, und in dieser widmet er Ernst Renan einen ausführlichen Artikel (p. 192—215.) Geben wir hier die charakteristischen Züge wieder. Lemaitre will die Persönlichkeit Renans kennen lernen. Er besucht deshalb dessen Vorlesung. Die Hauptfrage ist ihm: ist er entschieden traurig oder ist er heiter, dieser außergewöhnliche Mann? „Man kann hierüber zweifeln, wenn man seine Bücher — insbesondere seine philosophischen (dialogues philosophiques) — liest, da sich in ihnen ein erklärter Optimismus mit verzweiflungsvollen Schlüssen abwechselt. Renan moquirt sich über uns. Aber moquirt er sich immer und bis zu welchem Punkte? Es giebt Humoristen, die sehr zu beklagen sind. Der Eindruck, den die Lectüre seiner Schriften hinterläßt, ist sehr zweifelhaft. Man hat sich sehr ergötzt und doch fühlt man sich sehr beunruhigt, von jedem positiven Glauben losgelöst." Der Vers, besucht eine Vorlesung Renans in dessen Auditorium. „Renan ist dick, untersetzt, fett, rosig; grobe Züge mit feisten Prälatenbacken, lange graue Haare, eine starke Nase, ein feiner Mund; übrigens Alles rund, gleich beweglich, sein breiter Kopf tief in den Schultern. Er hat die Miene der Zufriedenheit mit dem Leben. Der Inhalt der Vorlesung ist der Pentateuch. Die Auseinandersetzung ist klar, einfach, belebt, die Stimme ein wenig belegt, ein wenig fett, die Mimik vertraulich und sehr belebt; die Form ist durchaus nicht gesucht, hat nichts von der Eleganz, von der Anmuth und Feinheit seines schriftlichen Styls. Er spricht ganz gewöhnlich, wie am häuslichen Heerde, seine Sätze sind ohne Zusammenhang und voll gewöhnlicher Ausrufe." Lemaitre führt dafür eine Anzahl Beispiele an. Er schließt daraus, daß Renan sich durchaus gehen läßt, „er plaudert, das ist Alles, mit einem guten alten ihm getreuen Auditorium, vor welchem er sich gehen lassen kann." — Nunmehr geht der Vers, an seine ursprüngliche Frage. „Dieser Mann hat die fürchterlichste moralische Krise durchgemacht, welche eine Seele bestehen kann. Er mußte, 20 Jahr alt und unter Bedingungen, welche seine Wahl besonders schmerzlich machten, zwischen dem Glauben und der Wissenschaft wählen, die stärksten und sanftesten Bande zerreißen, und der Riß war ohne Zweifel sehr tief — und er ist heiter (gai)! Vieli leicht hat er die Heitcrteit, welche oft feste Ueberzeugungen geben. Aber dieser Philosoph hat die katholischen Einbildungen bewahrt; er liebt noch immer, was er verleugnet hat. Er ist Priester geblieben, selbst der Verneinung giebt er die Wendung des christlichen Mysticismus — und dennoch lacht er und ist heiter! Dieser Mann hat zwanzig Jahre seines Lebens zugebracht, die bedeutendste und mysteriöseste Begebenheit der Geschichte zu studiren. Er hat die Religionen erstehen sehen; er ist bis in die Tiefe des Bewußtseins der Einfältigen und der Erleuchteten gestiegen — und er ist heiter. Er hat mehr als Jemand anders gefunden, wie vergeblich unsre Anstrengungen und wie unerklärlich unser Geschick ist; alle Schmerzen dessen, der die Wahrheit sucht, hat er empfunden und der große Schrei des allgemeinen Schmerzes ist bis zu seinen Ohren gedrungen — und gleich darauf ist er heiter — nein, nein, Herr Renan hat nicht das Recht heiter zu sein. Er kann es nur durch die verwegenste oder blindeste Inkonsequenz sein! Er bewegt sich daher zwischen den auffälligsten Gegensätzen, namentlich über Gott, Unsterblichkeit und Tugend, so auffällig, daß man stets zweifelhaft ist, ob er ernst spricht oder ironisirt. Aber er täuscht uns doch nicht. Denn sein Zweifel und sein Spott heißt nichts weiter als leugnen, und dieser Nihilismus sollte ein Abgrund von Schwermuth und Verzweiflung sein. Aber diese findet sich bei Renan nicht; er ruft sogar zur Freude, zum Vergnügen auf, und verweigert seinen Heiligen selbst das Morphium und das Alkohol nicht. Wie ist dies zu vereinigen? Unser französischer Kritiker versucht mehrere Erklärungen vom menschlichen Standpunkte aus. Schließlich bemerkt er, daß Renan alle seine Träume erfüllt sieht. Er ist Mitglied zweier

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