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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-17 · Heft 20 (17.5.1888) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 20 (17.5.1888)
Date
1888-05-17
Page
Seite 319 (sequence 15)
Language
German
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319 Kindern höchst zweifelhaft macht, sondern auch auf die Schuldisziplin nachtheilig einwirkt. Ich kann nun sagen, daß ich stets mit diesem Hinderniß wenig zu schaffen hatte. Es gab in meiner Gemeinde keine Familie, die ihre Kinder der Religionsschule vorenthielt; schlechten Schulbesuch fand ich nur bei der untersten Schicht, aus den wenigen Familien, in welchen ein unordentlicher Haushalt und Lebenswandel vorhanden war. Die andere Schwierigkeit besteht in den völlig auseinander gehenden Forderungen, welche die Eltern an den Unterricht stellen. Die einen verlangen nichts Anderes als geläufiges hebräisches Lesen und Vertrautheit mit dem Gebetbuch, das bekanntlich in höchst verwickelter Weise zusammengesetzt ist: auf alles Uebrige legen sie kein Gewicht oder sehen es sogar nicht gern. Was den letzteren Punkt betrifft, so hatten die Lehrer früher damit garnichts zu schaffen. Die Knaben wurden zu Hause angehalten, täglich die betreffenden Gebete zu lesen und begleiteten ihre Väter zum Gottesdienste Beides findet jetzt nur spärlich statt, und nun soll die Schule mit ihren geringzähligen Unterrichtsstunden und den vielen Uuterrichtsgegenständen den Kindern die volle Vertrautheit mit den mannigfaltigen Gebetstücken verschaffen, eine ziemlich nicht zu lösende Aufgabe. Die andere, seither immer zunehmende Klasse der Eltern, will vom Hebräischen ganz abstrahiren und legt nur Gewicht auf die Glaubens- und Sittenlehre und höchstens noch auf biblische und jüdische Geschichte. Hierzu kommt noch, daß an irgend welche Aufgaben für häusliche Arbeiten gar nicht zu denken ist, da die Kinder mit solchen aus der allgemeinen Schule schon überhäuft sind und von ihren freien Stunden doch schon genug der Religionsschule zu widmen haben. Würde man bei den jetzigen Eltern den Eifer für religiösen Unterricht finden wie in früherer Zeit, so würden sich obige Schwierigkeiten leicht überwinden lassen. Eine andere Frage betrifft die innere Disziplin der Religionsschule, für deren Erhaltung dem Lehrer der jüdischen Religionsschule wenige Mittel gegeben sind. Meine Ansicht geht dahin, daß, wenn der Lehrer seine Zöglinge während des Unterrichts zu interessiren versteht, die Disziplin sich von selbst macht; sie wird erst schwierig, wenn der Unterricht die Kinder langweilt. Es kann daher namentlich den Unterlehrern nicht genug zur Last gelegt werden, wenn ihre Klasse unruhig ist, da eben das Lesen und Schreiben die Kinder nicht interessirt. Hat er den ersten Unterricht in der biblischen Geschichte zu halten, so ist dies ein Anderes. Bei den gemischten Elementen, die sich in der Religionsschule zusammenfinden, fehlt es natürlich nicht an verwilderten Subjekten, auf welche die herzlichste Ansprache oder die bitterste Ironie keinen Einfluß übt. Der Lehrer kann hier nur die Vorsicht befolgen, solche Kinder möglichst aus gesonderten Plätzen zu halten, wo sie ihm stets vor Augen sind und den anderen keinen Schabernak spielen können. — Wie dem auch sei, der Rabbiner hat alle diese Forderungen zu berücksichtigen, sowohl um angemessene Erfolge zu erzielen, als auch den Unterricht bei den Eltern in Ansehen zu erhalten. Ich gestehe nun, daß ich einen ganz besonderen Werth auf den Confirmandenunterricht lege. Ich weiß, daß zu meinem großen Bedauern die Confirmationshandlung von vielen Rabbinern nicht gewürdigt wird und deshalb statt sich immer mehr auszubreiten, an Boden verloren hat. Man wirft ihr vor, daß sie mehr Schauspiel als wirklich ergreifender religiöser Akt sei. Dies ist durchaus falsch. Geht ein ausgedehnter und begeisternder Confirmandenunterricht voraus, so muß derselbe einen öffentlichen Abschluß haben und Prüfung, Glaubensbekenntniß und Einsegnung. wenn der Rabbiner darüber Weihe und einige Empfindung zu breiten versteht, werden auf die Confirmanden für das ganze Leben eine tiefe Wirkung üben. Und nicht bloß auf diese, sondern auch auf die Eltern und auf die ganze Zuhörerschaft, die bei einem solchen Akte höchst zahlreich sich einfindet. Es ist da eine Gelegenheit geboten, die höchsten Lehren und Vorschriften unsrer Religion allen Zuhörern zum Bewußtsein, nicht wenigen zur Kenntniß zu bringen. Ich halte deshalb den Confirmandenunterricht für äußerst bedeutsam, aber ohne Confirmationsakt für unzulänglich. Ich gebe diesen Unterricht jedes Wintersemester alle Wochentage von 11—12 Uhr. Die Methode, die ich anwende, ist: ich stelle in der systematischen Reihenfolge eine These, entwickele dieselbe in sokratischer Weise mit den Confirmanden, so daß sie sich das Verständniß gleichsam selbst schaffen, resumire dann und diktire den Lehrsatz in möglichst präziser Weise. Vom Beginne des ganzen Unterrichtes an muß der Lehrer diesem Unterrichte den Charakter der Weihe und eines höheren Pflichtgefühls zu geben suchen. Besuch des Theaters und Tanzunterricht und dergleichen müssen für die Confirmanden ausgeschlossen sein. In der ersten Zeit meiner Amtsführung hielt ich die Confirmation am Schabuothfeste ab. Es stellten sich jedoch hierbei einige Jnconvenienzen ein. Die Confirmanden erlahmten etwas durch die lange Dauer, namentlich da ihre christlichen Mitschüler bereits am Palmsonntag confirmirt wurden. Besonders aber war es für viele Knaben störend, da sie zu Ostern in die Lehre treten sollten. Ich verlegte deshalb die Confirmation auf den Zwischensabbath von Peßach. Zum Schluffe kann ich versichern, daß die Erfolge des Confirmandenunterrichtes mit seinem Schlußakte dauernd sehr günstig waren und dieser sich fortwährend in der Gunst der gesammten Gemeinde erhielt. (Schluß folgt.)

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