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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-05 · Heft 14 (5.4.1888) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 14 (5.4.1888)
Date
1888-04-05
Page
Seite 223 (sequence 15)
Language
German
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223 nicht als den größten aller lebenden Staatsmänner anerkennen wollten. Da machten sich auch in Oesterreich die ersten Wellenschläge des Antisemitismus bemerkbar und flugs stellte sich der Schloßherr von Rosenau, wie sich Abg. Schönerer gerne nennen läßt, an die Spitze der neu entstandenen Strömmung. Bald kannte sein blindes Wüthen weder Maß noch Ziel. Er fiel den früheren Parteigenossen in den Rücken und verhalf den Gegnern zu unerwarteten Erfolgen. Der „Bersöhnungs-Aera" kam diese Selbstzerfleischung im Lager der Opposition gerade gelegen. Der Antisemitismus wuchs riesenhvch. Im Lager der Regierung war man damit wohl zufrieden, denn die Bewegung richtete sich ausschließlich gegen die freisinnigen Elemente unter den Deutschen, welche mit allen Mitteln eines zügellosen Klassen- und Racenhasses bekämpft wurden. Abg. Schönerer lachte sich in's Fäustchen. Er hielt förmliche Brandreden im Parlamente, aber auch außerhalb desselben, ohne daß er in diesem Treiben irgendwie gestört worden wäre. Vielen Tausenden galt er in Folge dessen als ein Prophet und seinem Terrorismus schien sich Jedermann unterwerfen zu wollen. Die Gerichte schritten bloß in unbedeutenden Fällen ein — zumeist wegen Uebertretung des Vereins- und Versammlungsrechtes. In einem Falle, wo dem Abg. Schönerer ein Hochverrathsproceß drohte, wurde allerdings mit Energie vorgegangen, allein das Bewcismaterial stand auf so schwachen Füßen, daß die Untersuchung unmöglich fortgesetzt werden konnte. Für Schönerer und seinen Anhang schien die Zeit des Faustrechtes gekommen zu sein. Seine größte Wuth kehrte er gegen die Presse, welche ihn und sein Treiben — ob klugerweise sei hier nicht erörtert — zumeist vollständig ignorirte. Seine Jünger suchten den Meister womöglich noch zu überbieten und die Antisemiten schlugen im Abgeordnetenhause wie in ihren Bereinsversammlungen einen Ton an, der an Rohheit und Brutalität seines Gleichen sucht. Eine Rede, welche Abg. Schönerer im vorigen Monate hielt und in welcher er von den Journalisten als „Preßbestien" sprach, schloß mit der Erklärung, daß die „Schonzeit" der Journalisten vorüber sei. Die Propaganda der That folgte dieser Rede mit dem bekannten Ueberfall in der Redaction des „Neuen Wiener Tagblatts" rasch nach. Schönerer und sein Anhang hatten sich aber über die Folgen dieses Schrittes arg getäuscht. Der Schrei der Entrüstung war ein so allgemeiner, daß die Behörde nicht zögerte, ihres Amtes zu walten und gegen Schönerer sammt Genossen die Untersuchung wegen des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeiten einzuleiten. Nun raffte sich das Parlament auf, indem es mit überwiegender Majorität seine Zustimmung zur strafgerichtlichen Verfolgung des Abgeordneten Schönerer gab. Alle Bemühungen der antisemitischen Volksvertreter, ihren Führer vor der Auslieferung zu bewahren, blieben diesmal fruchtlos. Das tief verletzte Recht wird nach aller Voraussicht noch Sühne erhalten. Der erste Schritt, um den Terrorismus der antisemitischen Liga zu brechen, ist endlich gemacht. Ec war der schwerste und wird hoffentlich nunmehr zu einer Gegenströmung führen, welche sich als stark genung erweist, um die Götzen des Antisemitismus von ihrem Piedestal herabzustürzen. Beaumarchais und die Juden. Nach den Arcli. Isr. Unter dem Titel: „Beaumarchais und seine Werke, Einzelheiten aus seinem Leben und Geschichte seines Geistes", nach unedirten Dokumenten veröffentlicht Herr E. Lintilhac soeben eine umfangreiche und sehr interessante Studie über den unsterblichen Verfasser des Barbier von Sevilla und der Hochzeit des Figaro. Es ist bekannt, daß Beaumarchais außer dem des dramatischen Autors noch viele andere Gewerbe ausgeübt und allerhand Geschäfte abgesehen, von denen des Theaters, betrieben. Aber weniger bekannt ist, daß dieser bewegliche, gewandte, erfindeiische Geist mit seinen unerschöpflichen Hilfsmitteln auch ein großmüthiges und zärtliches Herz besaß und daß er für die Bitten derjenigen nicht taub blieb, welche das Geschick oder die Strenge der Gesetze verfolgte. Die Protestanten und die Israeliten, welche sich gelegentlich an ihn wandten, hatten dies nicht zu bedauern. Wir finden hierüber in dem Anhänge, den H. E. Lintilhac seinem Werke beigefügt hat, den Wortlaut eines Briefes, den Beaumarchais zu Gunsten eines Israeliten von Bordeaux, der sich in einer eigenthümlichen Lage befand schrieb. Wir citiren wörtlich (S. 438): Brief an den Herzog von Richelieu vom 28. Januar 1779, damit er sich für Herrn Pereira interessire, gegen welchen ein „lettre de oaeliet" (Arrestbefehl für die Bastille) erlassen worden, weil er einem schwachen Wesen das Leben gegeben. Monseigneur, „I. von Jacob Pereira, jüdischer Religion, geboren zu Bayonne, dessen ganze Familie in Bordeaux lebte, Liebhaber im Jahre 1786 von Fräulein P***, Mächte des Herrn P., Banquier, hatte von dieser ein Kind. In der ersten Hitze des Zornes der Familie bedrohte man den jungen Pereira mit einem lettre de cachet. Ec verließ Frankreich, und sobald er in England war, schrieb er an den Herrn Jacob P*** Vater des Fräuleins, daß er seine Tochter noch immer liebe und versuchen wolle, sie durch seine Arbeiten in Zukunft zu verdienen; er würde fünf Jahre warten, bis er eine Frau nehme. Er hat Wort gehalten. Nachdem diese Zeit verflossen, schrieb er wieder an den Vater, um noch einmal um die Hand seiner Tochter anzuhalten, indem er ihm den Stand seines Vermögens überschickte unb ihm mittheilte, daß

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