Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1888)
- Date
- 1888-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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emerne Zeitung des Iudenthums. Ein mjmrkiWcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Gspeöition: Leipzig, Woßpkcrh 17 In redactionellen Angelegenheiten wende inan sich an Vr/Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 5. Januar 1888. Nr. 1. Inhalt. Leitende Artikel: Das „Herz" in der Bibel. — Aus dem deutschen Reichstage. — Zur Lage im deutschen Reiche. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Altona, Breslau, Straßburg, Mannheim, Posen, Lindau, Guben. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Pest. — Italien: Rom. — Frankreich: Paris. — Rußland: Warschau. — Großbritanieu: Birmingham. — Spanien: Madrid. — Amerika: Washington. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus meiner Knabenzeit. VIII. Zcltc'nbc Bonn, den 1. Januar. Das „Her;" in der Mbel. n. Wir wenden unsere Aufmerksamkeit zunächst den Psalmen zu. Da es sich hier nicht darum handelt, die einzelnen Autoren zu charakterisiren, sondern den Geist des Hebräerthums uns erkennbar zu machen, so bezeichnen wir der Kürze wegen die verschiedenen Sänger aus verschiedenen Zeiten mit dem Gesammtnamen: der Psalmist. Der Pentateuch zählt seiner Natur nach als Buch der Lehre und des Gesetzes mit präcisem, einfachem, ja nüchternem Ausdruck, ausgenommen die poetischen Capitel und die rhetorisch gehobenen Stellen. Die Psalmen aber sind lyrische Ergüsse mit dem Ziel des religiös Sittlichen vor Augen. Nicht äußere Momente, nicht Schilderungen, nicht Macht, Ruhm und Prunk liegen in ihrem Bereiche. Sie nehmen deshalb selbst die Phantasie wenig in Anspruch, aber sie strömen die Gefühle des Herzens in wärmster Weise aus. In ihnen entfallet sich die ganze Fülle des Herzens, und so begegnen wir in ihnen in mannigfaltigster Art dem Ausdruck des Herzens. Bor Allem weiß der Pjalmist, daß das menschliche Herz ein Geheimniß ist vor sich selbst und Geheimnisse birgt, die dem Menschen selbst verborgen bleiben und die nach seiner Ueberzeugung eben nur Gott kennt. Die Vorgänge in unserem Herzen, wie die Gefühle entspringen, die Empfindungen sich entfalten, uno aus diesen die Gedanken, und aus diesen der Wille und aus diesem die That, alles dies, wie in dem Guten das Böse sich eindrängt, in dem Bösen das Gute sich aufringt, in dem Muthigen Verzagtheit, in dem Feigen und Schwachen die todesverachtende. Kühnheit Platz greift: all' diese mannigfaltige Bewegung unseres Herzens ist uns selbst ein Räthsel. Der Psalmist spricht deshalb von den „Geheimnissen des Herzens", von denen er sagt, daß nur Gott sie kenne (44, 22). Ueberall verspürt er in seinem Herzen das Walten Gottes, der die Verhältnisse und Ereignisse des Lebens anordnet, an welche sich unbewußt unsere Empfindungen knüpfen, und welcher auch unmittelbar auf das Herz wirkt. Das Ideal des Psalmisten ist: das reine Herz, das mit Festigkeit des Geistes verbunden ist, um alle niedrigen Leidenschaften von sich fern zu halten, alle Trübungen seiner inneren Sphäre zu vermeiden. Er betet daher: „Ein reines Herz schaff' mir, o Gott, und einen festen Geist erneu' in meinem Innern" (51, 12). „In meinem Innern" ist der parallele Ausdruck für das Herz. Er hatte es schon erfahren, daß der Mensch wankelmüthig, schwach ist, und den Verlockungen des Lebens oft nicht den nöthigen Widerstand entgegensetzt. Er will deshalb sein Herz wieder rein und geläutert von Schuld und Sünden haben, und dazu die Festigkeit des Geistes, die unerschütterliche Willenskraft, durch dessen Zurückweichen er dem Bösen in seinem Herzen Raum gegeben hatte, wieder erringen. Dazu ruft er die Hilfe seines Gottes an. Denn in dem Gedanken an Gott stärkt sich sein Geist, erhebt sich sein Herz, und von Gott erwartet er Ruhe ^uno Sicherheit, um sich diese Reinheit zu verschaffen und i