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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-11-23 · Heft 48 (23.11.1886) · p. Seite 754

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 48 (23.11.1886)
Date
1886-11-23
Page
Seite 754 (sequence 2)
Language
German
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784 Hauptstadt von Illinois über 40 Menschenleben gekostet. Sie wollen die großen Bauwerke, die umfassenden Jndustriestätten zerstürmen, und brachten es wirklich schon dahin, daß die Viermillionenstadt London vor der kleinen Anarchistenbande zitterte. Dabei ist der Fortschritt, den sie in kurzer Zeit gemacht, wirklich erschreckend. 1871 arbeiteten die Communards noch mit Petroleum, jetzt mit Dynamit, das ganz unvergleichbar rascher und vollständiger als jenes wirkt. Ermöglicht ist diese furchtbare Erscheinung durch den Fortschritt der Chemie, welche Sprengstoffe von ungeheurer und unberechenbarer Wirkung, die verhältnißmäßig mit geringen Mitteln hergestellt werden können, erfunden und den Zerstörern zu Gebote gestellt hat. Hervorgegangen aber ist sie aus der durch die sozialistischen Aufwiegler und die sozialistischen Phantastereien in der besitzlosen Klasse erregten Unzufriedenheit und dem Verlangen nach Zuständen, welche die Gesellschaft nicht herzustellen und zu ertragen vermöchte. Die extremen Köpfe, die völlig verkommenen, sittlich tief unter das Thier gesunkenen Subjekte bleiben bei der Theorie und dem bloßen Verlangen nicht stehen. Sie sprechen auch nicht mehr von sozialer Revolution, sie predigen, und wo sie es vermögen, üben sie die unbedingte Zerstörungswuth, theils um sich zu rächen, theils um in dem Umsturz der Gesellschaft voran zu kommen. Was wollen die Schrecken der Guillotine von 1793 dagegen sagen?! Es versteht sich, daß die Gesellschaft gegen dieses Unheil die möglichen Mittel anwendet. Das Preß- und Versammlungsrecht wird beschränkt, der freie Handel mit den Sprengstoffen wird untersagt, deren Gebrauch und Besitz durch Unbefugte bestraft, selbstverständlich gegen die Verbrecher das Strafrecht geübt. Dies sind natürlich Prohibitivmaßregeln, deren Wirksamkeit jedoch nur beschränkt sein kann, da die Männer des Frevels in der Dunkelheit immerhin ihre Unthaten vorzubereiten und die Mittel dazu sich zu verschaffen, verstehen. Das Eine nur bietet einigen Trost, das Vertrauen, daß die große Masse doch noch sittlich und gewissenhaft genug ist, um nur eine verhältnißmäßig geringe Zahl solcher ganz versunkenen Subjekte zu liefern, und daß das Verderbliche der Anarchistenthaten ihr selbst zu fühlbar wird, um ihren Zorn nicht gegen diese Scheusale zu richten. Allerdings thäte hierbei Eines Noth, das jedoch kaum Aussicht hat, verwirklicht zu werden, wenigstens so lange noch das Treiben jener Bande ein beschränktes bleibt. Wir meinen: die Vereinigung aller Parteien und aller Staaten gegen das die Gesellschaft so schwer bedrohende Unheil. Was an Kraft in der Gesellschaft lebt, muß dagegen verwendet werden, um es mit Stumpf und Stiel auszurotten. Was wollen die Gegenstände der Parteiung, die Streitfragen derselben, was wollen selbst die Gegenstände des Haders unter den Staaten und Völkern gegen diesen Krebsschaden sagen, wenn er weiter und weiter um sich frißt und sich, wie er es bereits gethan, in allen Ländern der Civilisation in verbrecherischen Versuchen bethätigt? So lange im Innern der Staaten die Bürgerschaft aus politischen und konfessionellen Motiven zerfahren und zerrissen ist, und lügnerische Aufwiegler, wie es der Antisemitismus bekundet, der Culturkampf sie hervorgebracht hat, Haß und Zwietracht, Spaltung und Feindseligkeit in die Gemüther streuen und die Verhältnisse vergiften können; so lange noch die Völker und Staaten um Erweiterung ihrer Herrschaftsgebiete in die feindlichste Spannung gerathen und in den Krieg Hineintreiben — so lange werden aufs Aeußerste gekommene Verbrecher ihr heimliches Spiel treiben und die Ausbreitung des Verderbens planen, gerade durch die Fortschritte der Gesellschaft, der Wissenschaft und Verkehrsmittel begünstigt, und werden die Missethäter aller Länder sich zu ihren grauenhaften Werken die Hand bieten. Stellt ihnen doch der Raum, der Ozean und die Wüste kein Hinderniß entgegen, und vom äußersten Osten bis zum äußersten Westen reicht ihre Verschwörung. Allerdings stimmen wir nicht mit denen überein, welche die Religion für unwirksam gegen dieses Unheil ausgeben und zwar weil jene Missethäter in ihrer Kindheit doch auch Religionsunterricht genossen haben. Das Gegentheil ist leicht zu beweisen. Glaubt man, daß ein' Mensch, der wahrhaft an den vergeltenden Gott, an den Richter aller menschlichen Handlungen glaubt, zu solchem verbrecherischen Thun sich verleiten ließe? Wer Ehrfurcht empfindet vor der allwaltenden Gottheit, deren Willen und Gebot, wird sich niemals hinreißen lassen, so weit auch seine politischen Ansichten reichen, an einer solchen Rotte theilzunehmen. Aber der jetzt so weit verbreitete Unglaube, der Spott und Hohn, der selbst von ernsthaften Männern über den religiösen Glauben, über jede Einwirkung selbst der geläuterten Religion in Ceremonie und Brauch, in jeder durch Ueberlieferung und Herkommen geheiligten Sitte verbreitet werden, löschen in unzählige» Gemüthern jede religiöse und sittliche Empfindung aus, verdrängen aus den Geistern jeden religiösen Gedanken, jede religiös-sittliche Ueberzeugung. Zahlreiche Menschen werden darum doch innerhalb sittlicher Schranken verbleiben und von der inneren Stimme des Gewissens sich leiten lassen. Aber diejenigen, welche von den gewöhnlichen Wegen abgedrängt worden und der Verführung und Verlockung anheimgefallen sind, haben jeden Halt in sich verloren, haben nicht mehr, was sie zurückschreckt, was sie das Verbrechen verabscheuen ließe und ihr veroüsterter Blick sieht gleichgültig über den Abgrund hinweg, in welchen sie stürzen werden. Dies ist offenbar und thatsächlich. Diejenigen, welche die Feindschaft gegen die Religion predigen, ja die, welche sie mit gleichgültigen Augen betrachten und die religiöse Erziehung der Jugend vernachlässigen, erwägen nicht, welchen Schaden sie nicht blos dem Seelenheile Einzelner, sondern auch der

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