Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1886)
- Date
- 1886-11-02
- Page
- Seite 718 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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718 französischen Ursprungs, sondern wurde 1839 als Sohn jüdischer Eltern in Pest geboren. 1848 war er Studirender der Medizin, gab aber das Studium auf und kam nach Frankreich, wo er unter Cavaignac als Freiwilliger in die Armee eintrat. Nach dem Staatsstreiche vom 2. December führte Bauer ein sehr bewegtes Leben, suchte seinen Unterhalt als Maler, Photograph und durch eine ganze Reihe von Beschäftigungen zu verdienen, ließ sich sodann taufen und trat in den Orden der Karmeliter ein. Als Ordenspriester unternahm er weite Reisen durch Europa und wußte seine Rednergabe sehr gut zu verwerthen, so daß die Königin Jsabella von Spanien ihn 1866 der Kaiserin Eugenie empfahl. Im folgenden Jahre wurde er mit der Leitung des Gottesdienstes in der Capelle der Tuilerien betraut, in der denn überhaupt das rein katholische Element so gering vertreten war, daß Napoleon III. sich eines Tages darüber verwundern konnte, daß die Sonntagsmesse überhaupt nur von Juden geleitet wurde. (Bauer celebrirte, Strauß dirigirte das Orchester, Julius Cohen die Chöre und Rosine Bloch sang die Soli; die letzteren Drei waren noch jüdischer Consession.) Als Hvfkaplan begleitete er auch die Kaiserin Eugenie zu der Eröffnung des Suezkanals und nahm die Einsegnung der neuen Wasserstraße vor. Da man aber auf dem Schiffe keinen Altar hatte, wurde der Concertflügel aus dem Salon der Kaiserin herbeigeholt, auf die Brücke gestellt und entsprechend dekorirt. Nach beendigter Feier wurde das Klavier wieder an seinen alten Platz zurückgestellt und, wie es heißt, auf demselben die Quadrille aus Offenbachs „Orpheus" nach der Art des „Hosiannah" gespielt. Abbö Bauer, der schon am Hofe des Kaisers sich als vollendeter Weltmann gezeigt hatte, wollte nach dem Kriege wieder seine Fastenpredigten aufnehmen, wurde aber durch ein Verbot des Erzbischofs von Paris daran verhindert. Nun gab er seine geistliche Thätigkcit ganz auf und verlegte sich nur noch auf den Pferdesport. Wenn er seinen Sommeraufenthalt auf dem Schlosse von Chatenay bei Sceaux verlassen, ist er ein täglicher Besucher der Reitalleen des Bois de Boulogne, wo er wegen seiner halb priesterlichen, halb sportsmännischen Kleidung allgemein bekannt ist. Abbe Bauer war so recht der Typus der Leichtlebigkeit am Hofe Napoleon III. Erfindung oder Mißverständniß? Es wurde jüngst in diesem Blatte über die Curiosa geklagt, welche die Pariser Zeitungen über das Judenthum und seine Bräuche in erfindungsreicher Weise zu erzählen wissen. Man findet davon bisweilen auch in deutschen Zeitschriften. In der Zeitschrift des deutschen Palästina-Vereins (IX Heft II) und nach ihr im „Globus" (1886. Nr. 12) berichtet ein Pfarrer Frei über ein „Jüdisches Heiligthum" 21/2 km südlich von Liberias, in dessen Hof „sich zwei schornsteinähnliche Brandaltäre erheben." Diese Altäre gehören den Sephardim. Das Gebäude selbst enthält ein hohes Gemach, in welchem sich ein hochaufgemauertes Grabmal befindet. Der andere Flügel desselben gehört den Aschkanasim, die im ersten Stockwerk ebenfalls einen noch größeren Brandaltar haben und in einem anstoßenden Zimmer ebenfalls das Grabmal eines Heiligen. Es war am 12. Jjar (1884) wo der Todestag des Heiligen gefeiert wurde. „Ein Tänzer, der zugleich als Vorsänger funktionirte, begleitete seine halb gesprochenen, halb gesungenen Gebete mit komischen Arm» und Beinbewegungen, und jeder Theilnehmende schwang den rechten Arm auf und nieder, schlug die Schenkel, klatschte mit den Händen und nickte mit dem Kopfe. Auch eine Gruppe jüdischer Beduinen (!), welche im Jordanthal hcrumschweifen sollen, (!), hatte sich eingefunden und tanzte und klatschte mit. Bei den Aschkanasim ertönten Geigen und Gesänge, und Einzeltänzer bewegten sich um den Brandaltar. Nun wurden alte Kleider und Lumpen in den beckenartigen Kopf des Altars gelegt und mit ganzen Eimern von Olivenöl übergossen. Die Ehre des Anzündens wurde versteigert, und der Läufer steckte nach Einbruch der Nacht das Opfer vermittelst ölgetränkter brennender Lumpen an und alsbald züngelten die Flammen auf dem Altar empor." — Es bleibt doch merkwürdig, daß es Herrn Pastor Frei Vorbehalten geblieben sein soll, ein solches „jüdisches Heiligthum" eine halbe Stunde von Liberias, dicht bei den viel besuchten warmen Bädern zu entdecken und den ganz unerhörten Ceremonien mit Tänzen und geopferten brennenden Lumpen beizuwohnen. Entweder müssen wir ihm glauben, was uns sehr schwer tvird, oder nicht. Im ersten Falle müssen wir ein Mißverständniß annehmen, da Frei irgend eine unbekannte Sekte mit den Juden vertauschte, denen man so gern etwas am Zeuge flickt. Die „jüdischen Beduinen," deren Existenz selbst Herrn Frei zweifelhaft ist, machen sicherlich die Sache nicht glaubwürdiger! 48 Jahre in Selbstverbannung. (Original-Mitthcilung des „Neuen Politischen Volksblattes.") In unserer heutigen Zeit, in welcher die Menschen ziemlich leichtlebig geworden sind, gehört es gewiß zu den Seltenheiten, wenn eine hübsche junge Frau, die das Unglück hatte, ihren Gatten durch den Tod zu verlieren, dem Dahingeschiedenen die Treue bewahrt und bis an ihr Lebensende Wittwe bleibt. Aber als noch nicht dagewesen muß ein Fall bezeichnet werden, der uns aus Altofen berichtet wird, und der zeigt, welche Entsagung, ja, welches Martyrium eine Frau auf sich nahm, als ihr der unerbittliche Tod den angetrauten Gatten entriß. Heute wurde nämlich unter zahlreicher Betheiligung seitens des Publikums die Wittwe R. Rakonitz zu Grabe getragen, die nach längerem Leiden im Alter von 70 Jahren