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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-10-05 · Heft 41 (5.10.1886) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 41 (5.10.1886)
Date
1886-10-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Gspeöition: Leipzig, WoßpCah 17. In reoactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Phiüppson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 6. Oktober 1886. ' Nr. 41. Inhalt, Leitende Artikel: Das Einzelwesen und das Gemeinwesen. — Die Moral Koheleth's. — Die Laien im Judenthnm. Ein Beitrag zur Lösung der Gemeindeorganisationsfrage in Oesterreich. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Münster, Posen, Metz. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Vermischtes. €Xzl'ifiei Bonn, 29. September. Das Einzelwesen und das Gemeinwesen?) Eine Betrachtung zu Jom Kippur. In der Natur des menschlichen Wesens liegen zwei Triebe, welche leicht in Widerspruch mit einander kommen und deren Ausgleichung und Versöhnung eine der höchsten Aufgaben und eines der bedeutendsten Ziele der ganzen Menschheit ist. Mit dem ersten Erwachen der geistigen Thätigkeit entfaltet sich im Menschen das Bewußtsein seines Jchs und verschwindet nur mit seinem Tode. Ist es doch selbst im Schlafe nur scheinbar unterbrochen, macht sich im Traume geltend und knüpft mit dem Erwachen den vermeintlich abgeschnittenen Faden sofort wieder an. Alle Beziehungen des Menschen schließen sich deshalb an dieses Ich an, von ihm aus werden die Dinge nach ihrer Gunst oder Ungunst, nach ihrem Bortheil oder Schaden für das Individuum in Betracht gezogen. So ist dieses Bewußtsein des Jchs ein Hauptfactor in seinem Denken und Fühlen, eine starke Triebfeder für sein Thun und Lassen. Es kommt nun darauf 1) Der technische Ausdruck für das, was wir hier mit „das Einzelwesen" bezeichnen, ist: der Individualismus. Wir konnten uns aber desselben in der Ueberschrist nicht bedienen, weil für den Gegensatz nur der Ausdruck „Socialismus" statthaft wäre, dieses Wort aber sür eine Parteitheorie gebräuchlich geworden, mit welcher wir in unserem Artikel nur wenig zu schaffen haben. an, wie weit der Einzelne diesem Ich den unbedingten Vorrang einräumt, wie weit er alle seine geistige und leibliche Thätigkeit den Forderungen desselben unterwirft. So bildet sich dieses Bewußtsein des Jchs zum Egoismus, zum krassen Egoismus aus, wenn es ihm zum einzigen Beweggrund für sein Thun und Lassen wird, und er keine Begrenzung, keine stttliche Einschränkung, keinen andern Beweggrund zuläßt. Aber ebenso natürlich liegt im Menschen der Trieb nach Vereinigung, nach Geselligkeit: er ist ebenso für das Gemeinwesen, wie für das Einzelwesen geschaffen. Der Spruch der Schrift: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei", kann entschiedener ausgedrückt werden: „Es ist nothwendig, daß der Mensch nicht allein sei." Nicht allein der Schutz gegen die Macht der Elemente, gegen Raubthiere und die von Menschen geplanten Angriffe; nicht allein die Bedürfnisse, deren Befriedigung nur durch den gegenseitigen Austausch der Produkte möglich ist; sondern auch der innerste Drang des Menschen führt ihn zu den Wesen seiner Art, und zwar über den Geschlechtstrieb hinaus. Schon die dem Menschen natürliche Sprache verlangt und vermittelt das Zusammenleben mit anderen Seinesgleichen. Sobald aber der Mensch in irgend eine Vereinigung mit anderen tritt, entsteht ein Gemeinwesen, welches Bedingungen stellt, denen sich ihre Mitglieder unterziehen müssen, Einschränkungen des Willens und Thuns der Einzelnen für die gemeinsamen Zwecke, Rechte und Pflichten. Es versteht sich, daß auch dieses natürliche Erzeugniß eines unbestreitbaren Triebes über das Ziel hinausgreifen kann und wird, daß es die persönliche Freiheit des Einzelne» in einem Grade be- 41

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