Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1886)
- Date
- 1886-09-21
- Page
- Seite 622 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Commerzienrath, versehen lasse. „Nein, nein, so was thue ich nicht," war immer seine Antwort. Er will für sich und seine Familie keine Benefizien erzielen. Diese Uneigennützigkeit schließt den Stolz auf seine Stellung nicht aus. Die nicht systematisirbare Ausnahmsstellung zum Hofe, die er einnimmt, ist seine einzige persönliche Genugthuung. Im Uebrigen ist er frisch und gesund und hat sich fest vorgenommen, dreiundneunzig Jahre alt zu werden; so alt ist auch seine Mutter geworden. Correspondenz. JahreS-Versammlung des Vereins jüdischer Cultusbeamlen Mitteldeutschlands in Eisenach am 23. und 24. August. Anwesend waren 20 Theilnehmer. Die Versammlung wurde Nachmittags um 4 Uhr vom stellvertretenden Vorsitzenden, Herrn Fackenheim, durch eine entsprechende An- und Bewillkommnungsrede eröffnet. Herr Heidungsfeld begrüßte die Versammlung im Namen der Gemeinde und im Aufträge des Vorstehers. Die Verhandlungen eröffnete Herr I)r. Salzer mit einem Vortrage, welcher sich mit der Beantwortung der Frage beschäftigte: „Wie sind die Wundergeschichten der Bibel didaktisch in der Schule zu behandeln?" Redner schickte seinem inhaltreichen und fesselnden Vortrage die Bemerkung voraus, daß hier bei der Beantwortung der zur Aufgabe gestellten Frage die Stellung, welche die Anhänger der naturalistischen Anschauung zu der Wunderfrage einnehmen, außer Betracht bleiben müsse, da sie mit der Bibel und daher mit der Lehre des Judenthums nicht in Einklang zu bringen sei. Darauf entwickelte er in fast einstündiger Rede sein Thema, dessen Hauptgedanken in Folgendem gipfelten: Die Wunder, in der Schrift gewöhnlich mit nw und riDiD bezeichnet, werden in der Bibel als Schöpfungsthaten Gottes hingestellt, als^welche wir sie aufzufassen haben. Als solche sei ihre Möglichkeit außer Zweifel. Das höhere Wesen, welches das größte aller Wunder, die Schöpfung des großen Weltalls aus Nichts vollbracht habe, müsse ja auch im Besitze der Macht sein, die eingesetzten Naturgesetze zeitweilig und örtlich ändern zu können, wenn Seine Weisheit dieses zur Erreichung großer Heilzwecke für nothwendig erachtet. Der Einwurf, es sei der Gottheit nicht angemessen, zu Gunsten eines einzelnen Volkes außerordentliche, mit den Naturgesetzen im Widerspruche stehende Wunder zu üben, so leicht zu widerlegen, da ja die Wunder der Bibel nicht diesem einzelnen Volke galten, sondern die Erziehung des ganzen Menschengeschlechtes dadurch erzielt werden sollte. Die Wunder, mit Ausnahme des Wunders der Offenbarung am Sinai, seien übrigens nicht als Beweisstücke zur Begründung ewiger Wahrheiten und als zu diesem Zwecke vollbracht anzusehen, da die Bibel stets nur die Offenbarung am Sinai als ein solches anführt, die übrigen aber als von der augenblicklichen Lage bedingt hinstellt. Die Wunder der Bibel zerfallen in drei Gruppen. Zur ersten Gruppe gehören diejenigen Wunder, welche absolut natürlich nicht zu erklären seien, bei welchen sich daher jeder Versuch natürlicher Erklärung hinfällig erwiesen hat und erweist. Diese müssen eben in der Schule einfach als Wunder, als Schöpfungsthaten Gottes, dargestellt tverden, als Wirkungen der göttlichen Machtvollkommenheit, Weisheit und Güte, so z. B. die Spaltung des Meeres, die Offenbarung am Sinai, das Manna u. s. w. Zur zweiten Gruppe gehören diejenigen Wunder, welche an und für sich eigentlich Wunder nicht zu nennen wären, es aber erst dadurch geworden seien, daß sie zur bestimmten Zeit und am bestimmten Orte eingetreten sind, z. B. die Wachteln. Zur dritten Gruppe gehören diejenigen Wunder, welche eine allegorische Deutung zulassen, wie z. B. die kupferne Schlange. In der Unterklaffe müssen die Wunder der Bibel einfach erzählt und auch die der zweiten und dritten Gruppe ohne Erklärung gegeben werden, da gerade in diesem Alter alles Wunderbare mächtig auf das kindliche Gemüth einwirke. Dieser Ansicht huldige auch Kehr. Diesem Pädagogen entgegen aber müssen die Wunder auch in den Oberklassen Gegenstand des Unterrichtes sein und zwar in der ersten Gruppe als absolute Wunder und die der zweiten und j dritten mit den ihrer Natur nach zulässigen Erklärungen. Dieses Letztere sei durchaus nothwendig, um später auftretenden Zweifeln zu begegnen und der Schädigung des Glaubens vorzubeugen. Am Schluffe führte der Redner noch die Worte Diesterweg's an: „Mag der Lehrer zu den Wundern stehen, wie er wolle, in keinem Falle darf er bei der Erzählung der bibli-! schen Geschichte Kritik anwenden, das hieße zerstören anstatt! aufbauen, das hieße den göttlichen Funken im Herzen des Kindes auslöschen, anstatt ihn zu einer erwärmenden und belebenden Flamme anzufachen." Der Vortrag rief nach seiner Beendigung viele Danksagungen seitens der Lehrer hervor. Es knüpfte sich alsbald eine lebhafte Debatte an denselben, von der nur zu bedauern ist, daß sie eines Zwischenfalles halber, früher als wünschenswerth war, abgebrochen wurde, so daß kein referatfähiges Ergebniß aus derselben hervorging. Am andern Morgen waren die sämmtlichen Mitglieder wieder zur Sitzung erschienen. Da Herr Jacobsohn aus