Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1886)
- Date
- 1886-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudmlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßplerh 17. In reoactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 14. September 1886. Nr. 38. Inhal!. Leitende Artikel: Ist die Toleranz ein Grundzug des Judenthums? — Die Ethik in der Halacha. - Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. Eger, Schönhof bei Podersam, Aus Nordböhmen. — Frankreich: Paris. — Rußland: Warschau, Turek. — Palästina: Breslau. — Japan: Frankfurt a. M. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Reden oder Schweigen? — Die neue Synagoge zu Kaiserslautern. Seite'n&e Bonn, 8. September. Äst die Toleranz ein Grundzug des Ändenthums? Man hat sehr oft den gegen das Judenthum geschleuderten Vorwurf gehört, es sei, und zwar von Grund aus intolerant und verfolgungssüchtig. Wie immer, verstrickte man sich dabei in den Widerspruch, daß das Judenthum ausschließlich und zur Proselytenmachern nicht geneigt, ja gleichgültig für die Verbreitung der von ihm gelehrten Wahrheiten sei. Wäre das Letztere richtig, so könnte man ihm doch auch keine Verfolgungssucht, keinen Fanatismus zuschreiben. Aber, welche Widersprüche wiese man zurück, wenn es gilt, das Judenthum zu verleumden! Wagte es doch ein preußischer Minister, Herr von Bethmann-Hollweg, in einer öffentlichen Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses das Judenthum der Verfolgungssucht zu bezichtigen, wußte aber allerdings nichts zu erwidern, als wir in einem offenen Sendschreiben in der Köln. Z. und in diesem Blatte ihn aufforderten, den Beweis dafür zu liefern, und gerade das Gegentheil behaupteten. Da die Juden so viele Jahrhunderte und trotz aller Verlockungen und Verfolgungen ihrem Bekenntnisse treu blieben, glaubte man folgern zu dürfen, daß sie fanatisch und verfolgungssüchtig seien, wenn man auch keine Thatsachen dafür anzuführen hatte. Gerade ebenso glaubt man sich berechtigt, aus den Verfolgungen, welche die Juden in so grausamer Weise zu ertragen hatten, folgern zu dürfen, daß sie in ihrem Herzen einen wüthigen Haß gegen diejenigen hegten, welche sie früher gepeinigt haben. Aber beides ist falsch. Die Psychologie darf sich Folgerungen, gerade wie die Naturtvissenschaft nur aus vorliegenden Thatsachen und Erfahrungen gestatten, wenn sie nicht irre gehen soll, und diese fehlen in beiden Fällen. Dennoch ist es wohl nützlich, die Frage ernstlich zu erörtern. Denn in unserer Zeit ist es so weit gediehen, daß viele unserer Glaubensgenossen aus Unkenntniß der Geschichte ihres Glaubens und Stammes geneigt sind, den immer wiederholten Jnvectiven unserer Feinde Glauben zu schenken, weil ihnen das Material zur Widerlegung fehlt. Als Fundamentalsatz beruft man sich auf das 13. Kapitel des 15. Buches Mosis, worin verordnet wird, daß derjenige, welcher innerhalb des Landes Israel Andere zum Götzendienst verleitet, durch Steinigung getödtet werden soll; und so soll eine Stadt, deren Bewohner sich zum Götzendienste verleiten lassen, sammt allem Gute, das sich darin befindet, niedergebrannt werden. Auf dieses Gebot stützen sich jedoch die Lehrer der römisch-katholischen Kirche bei ihren blutigen Religionsverfolguiigen, bei der Jnquisiton, ihren Kerkern und Scheiterhaufen. Abgesehen davon, daß, da das Christenthum das mosaische Gesetz für gänzlich aufgehoben erklärte, es nicht berechtigt ist, irgend ein Kapitel aus demselben beliebig herauszuheben und für seine Zwecke zu benutzen — so liegt doch die Sache ganz anders. Es galt, in dem großen und schweren Kampfe, den die Gotteslehre mit dem Götzenthum und dem Bilderdienste inmitten des noch unreifen Volkes Israel zu führen hatte, und da das Land Israel zur Heimath der Gotteslehre dienen sollte, das 38