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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-06 · Heft 28 (6.7.1886) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 28 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 446 (sequence 14)
Language
German
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446 ein viel erträglicheres, als das des dürftigen Christen, denn die Opfer, welche der Wohlthätigkeitssinn seiner Glaubensgenossen darbringt, bewahren ihn wenigstens vor Hunger und Kälte. In diesen Regionen wohnt natürlich die strengste Orthodoxie; je ärmer der Jude ist, desto ängstlicher und gewissenhafter hält er sich an die Satzungen der Väter, er würde lieber sterben, ehe er die Sünde beginge und „trefe" äße, und daß ein armer Jude um klingenden Vortheils willen zum Christenthum übergetreten wäre, ist hier noch niemals dagewesen; als ich vor einigen Jahren mit einer deutschen, in Amsterdam zum Besuch anwesenden jüdischen Familie, eine Dame am Arm, die Joodenbuurt durchschritt, hörte ich eine alte Jüdin in halb verächtlichem Tone zn ihrer Nachbarin sagen: „Sieh einmal, einen Goj hat sie sich angeschafft!" Was aber ferner hier wohnt, das ist der hochentwickelte Familiensinn, worin der Jude dem Christen stets als nachfolgungswürdiges Vorbild voranleuchten wird; wer einmal durch die Rapenburgerstraat gegangen, in der sich eine jüdische, von etwa 400 Kindern besuchte Bewahrschule befindet, wird gesehen haben, wie Hunderte von Müttern im Schnee und Sturm Viertelstunden lang vor dem Schulhause warten, um die Kleinen zu empfangen, sie sorgsam in die mitgebrachten dürftigen Tücher einzuhüllen und nach Hause zu tragen. Als vor wenigen Tagen ein diese Schule besuchendes Kind nach seiner Rückkehr in die elterliche Wohnung am Abend plötzlich starb und sich das übrigens vollständig grundlose Gerücht verbreitet hatte, dasselbe wäre infolge einer ihm von der Lehrerin auferlegten Strafe gestorben, sammelten sich Tags darauf dichte Schwärme von Frauen vor der Schule, forderten mit kreischenden Stimmen ihre Kinder zurück und konnten nur mit der allergrößten Mühe beschwichtigt werden. Als im vorigen Jahre, dank den Bemühungen einer Amsterdam'schen Freimaurerloge, den Kindern armer Eltern im Winter während der Schulzeit warme Speisen verabreicht wurden, kostete es große Mühe, selbst arme jüdische Mütter zur Annahme des Angebots zu überreden, wiewohl die Speisen nach jüdischem Ritus zubereitet worden waren: sie wollten lieber selbst darben und das Wenige, das sie hatten, mit ihren Lieblingen theilen. Wie überall, zeichnet sich auch hier der Jude durch ungemeine Mäßigkeit aus; häufig hat man Gelegenheit, am Samstag Mittag den ärmlich gekleideten Mann mit seiner Frau, der Sorgen und Noth aus den Augen schauen, und seine Kinder an der Hand führend, durch die Straßen der Stadt, die er sonst die ganze Woche nicht sieht, spaziren gehen zu sehen: der christliche Proletarier pflegt es in der Regel anders zu machen, der überläßt am Sonntag Frau und Kinder sich selbst und sucht in der Schnapsschenke Erholung. Von einem Mißbrauch von Spirituosen, der unter dem nieder» Volke so entsetzliche Verheerungen anrichtet, hört man hier nichts, und dies ist auch der Grund, warum die Polizei in diesem Viertel eine verhältnißmäßig leichte Ausgabe hat; Raufereien und andere Störungen der öffentlichen Ordnung kommen gar' nicht vor und nur einmal meines Wissens setzte man derPolizei thatsächlichen Widerstand entgegen; aber damals handelte es sich auch um den Brotverdienst und die Straßenhändler wollten sich dieJoodenbreestraat, den Schauplatz ihrer bisherigen Thätigkeit, nicht nehmen lasten, wiewohl die Staatsbehörde dies aus Rücksichten des ungehinderten Verkehrs für nöthig erachtet hatte." (Sie sollten neulich in dieser Straße ihre Karren und Bänkchen mit ihren Waaren nicht mehr aufstellen dürfen.) Vermischtes. Die Königsgräber in Jerusalem. Wir haben bereits berichtet, daß die Herren Pereira, die int Besitze der berühmten „Gräber der Könige" bei Jerusalem waren, dieses ehrwürdige Denkmal der französischen Regierung geschenkt haben, wahrscheinlich um es unter dem Schutze Frankreichs sicher zu stellen. Die jüdische Bevölkerung hat die Gewohnheit, am Lag Beomer und am Tage nach Schabuoth in diesen Gräbern ihre Andacht zu verrichten. Gegenwärtig ist nun ein Wächter bestellt, der nur gegen starkes Trinkgeld den Zutritt gestattet und jeden barsch abweist, der ein solches nicht geben will oder kann. Im letzteren Falle befinden sich nun die meisten hiesigen Juden, und es wird hierüber laute Klage geführt. Gewiß ist es eigenthümlich, daß man Juden den Eintritt in ein altehrwürdiges jüdisches Denkmal verwehrt. In der Vergangenheit geschah dies oft genug, und viele Heiligthümer der Juden, z. B. die Gräberhöhle Machpelah bei Hebron, waren und sind ihnen noch heute unzugänglich. Aber von Neuem einen solchen Ausschuß herzustellen, lag doch gewiß nicht in der Absicht der Herren Pereira. Ausgrabungen in Jerusalem. Aus dieser Stadt der großen historischen Erinnerungen kommen viele Klagen über die Entstellung des altehrwürdigen Charakters des dortigen Architecturbildes. Prof. T. Hayter Lewis berichtet im „Athenäum": „Außerhalb der Mauern wachsen immer mehr Bauten empor und, ehe viel Zeit vergangen, wird der eigenthümliche malerische Zauber gerade der am meisten werthgehaltenen Stätten verwischt sein. So ist es schon heute mit dem schönen Ausblick vom Oelberge gegen das todte Meer hin; das vordringliche Weiß der glänzenden modernen Gebäude steht arg im Gegensätze zu dem gedämpften Colorit der Landschaft. Näher an der Stadt hat dagegen die Bebauung Gutes gewirkt, insofern dadurch große Schuttmassen, die noch bis vor Kurzem die Mauern bei dem

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