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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 414 (sequence 14)
Language
German
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414 können ruhig Ihren Katalog ändern. — Und nun will ich Ihnen noch ein Paar Sächelchen zeigen, nach denen Sie sich alle zehn Finger lecken werden. Sehen Sie sich einmal das Meißener Figürchen da an!" „Reizend, Herr Levi!" „Sagen Sie nicht reizend, sonst mach' ich die Thür zu. Wie heißt reizend? Reizend können Sie sagen von Ihrer geschätzten Frau Gemahlin, aber nicht von meinem Porzellan. Wie das ist, das kann man fühlen, aber nicht sagen." Der Herr Direktorial-Assistent macht ein verlegenes Gesicht und der alte Levi öffnet die schon halb geschlossene Schrankthür. „Sie können mir leid thun, mit Ihrem „Reizend"! Aber ich will nicht so sein, ich will Ihnen noch etwas zeigen, was nicht Jeder zu sehen kriegt." Er öffnet ein verschlossenes Sammetetui und nimmt eine zierliche Busennadel heraus, in Gestalt einer goldenen Statuette Friedrichs des Großen. Die feinen, magern Finger fahren beinahe zärtlich über das niedliche Figürchen hin. „Sehen Sie, Herr Doktor, das ist meine erste Arbeit aus dem ersten in Berlin verdienten Dukaten. Habe gearbeitet im königlichen Schlosse an der Montirung von Krystallkronen. Hab' ich gekriegt meinen Wochenlohn und dabei einen blanken Dukaten. Bin ich nach Hause gegangen und Hab' gemacht von dem feinen Golde das feine Statuettchen in meinen Freistunden bei der Oellampe. Und wie ich fertig gewesen bin, Hab' ich mir gedacht, vielleicht kauft's Seine Majestät der König, der ein so großes Interesse haben soll an der Kunst. Und Friedrich Wilhelm IV. — Gott Hab' ihn selig — hat's genommen, hat sich darüber gefreut und bezahlt. Haben Sie jemals verkauft eine erste Arbeit, die Sie gemacht haben im Schweiße Ihres Angesichts? Dann werden Sie begreifen, daß ich geschwommen habe in Entzücken. Die Jahre sind vergangen, das Glück ist mir treu geblieben, und ich bin Antiquar geworden. Friedrich Wilhelm IV. ist gestorben und die Königin Wittwe ist auch gestorben. Und da haben sie mich rufen lassen zur Registrirung und Taxirung des Nachlasses. Was find' ich unter all' den feinen „Sachen?" Meine Busennadel, die erste Kunstarbeit meiner Hände. Ich kann Ihnen sagen, Herr Doktor, ich Hab' geweint wie ein Kind. Hätt' das Nüdelchen gar zu gern zurück gehabt, aber ich hab's nicht gewagt, ein offenes Wort zu reden mit den Herren, und Hab' zusehen müssen, wie sie ist abgeliefert worden an das Hohenzollern Museum. Und wieder sind Jahre vergangen, und ich bin geworden ein angesehener und wohlhabender Mann. Bon Zeit zu Zeit ist gekommen ein hoher Herr aus unserm Königshause, der sich auch interefjtrt für die Kunst, und hat geplaudert mit dem alten Levi und ihm manchmal etwas abgekauft. Bor nicht langer Zeit ist er wieder einmal bei mir gewesen, und ich Hab' ihm auch gezeigt meine Privatsammlung. Am besten hat ihm gefallen ein wunderschön gemaltes Glas. „Levi," hat er gesagt, „das Glas müssen Sie mir verkaufen." „Kaiserliche Hoheit wissen, aus seiner Privatsammlung verkauft der alte Levi nichts." „Sie werden's mit mir nicht so genau nehmen. Ich thue Ihnen auch einmal wieder einen Gefallen." Da ist mir eingefallen meine Busennadel. „Kaiserliche Hoheit," Hab' ich gesagt, „Sie werden verzeihen, verkaufen kann ich Ihnen das Glas nicht. Aber Sie sind ein leutseliger Herr, und Sie werden vielleicht nicht verschmähen, mit dem alten Levi zu machen ein Tauschgeschäft." Und ich Hab ihm erzählt die Geschichte meiner Busennadel, und daß sie gekommen ist im Hohenzollernmuseum, und daß ich sie gern haben möchte zur Erinnerung in meinem Privatbesitz. Nach acht Tagen hat der hohe Herr gehabt sein Glas und ich meine Busennadel, und jedes Mal, wenn ich sie ansehe, wird mir ganz anders ums Herz und ich denk' an die Zeit wo ich sie gemacht habe aus dem ersten Dukaten, den ich verdient mit meiner Hände Arbeit." Der alte Levi legte das Etui in den Schrank, schloß die Thür zu und wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. Als er seinen Besuch hinausgeleitete, kamen sie an einem Roccoco-Tischchen vorüber, auf dem eine Krystallschale mit außerordentlich fein getriebener Silbermontirung stand. „Was ist das für ein prächtiges Stück!" „Ja, sehen Sie, Herr Doktor, ich Hab' die alte Gewohnheit beibehalten, und mache in meinen Feierstunden solche Sächelchen zu meinem. Vergnügen. Rauchen Sie, Herr Doktor?" „Gewiß, Herr Levi!" „Trinken Sie Bier?" „Natürlich, aber mit Maß." „Der alte Levi raucht nicht und trinkt nicht, er arbeitet in seinen Musestunden zu seinem Vergnügen. Erst ist er ein armer Goldschmiedegeselle gewesen und hat aus seinem ersten Verdienst ein Busennädelchen gemacht, jetzt ist er ein wohlhabender Mann und ciselirt zu seinem Vergnügen silberne Schalen. Adieu, Herr Doktor. Kommen Sie hübsch wieder. Wenn Sie auch meine Meißener Figuren „reizend" finden, Sie gefallen mir, und man kann mit Ihnen ein anständiges Wort reden."

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