Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Ein nnparitiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste! Nr. 115) und Oesterreich bei allen i Postämtern, außerdem durch den Buch-! Handel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Expedition: Leipzig, Wotzptnh 17. In redactionellen Anaelegenbeiten wende man sich an vr. Vhilippson in Bonn direct, in allen übrigen an die! Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang Leipzig, den 1. Juni 1886. Nr. 23. Iohalt« Leitende Artikel: Errieft Renan. — Politische Briefe aus Oesterreich. — Etwas zu der Racentheorie. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Leipzig, Stuttgart, Memel, Fürth.— Oesterreich-Ungarn: Pest, Serajevo. — Rumänien: Jassy.— Frankreich: Paris. — Rußland: Warschau, Aus der Krim. — Amerika: Cincinnati. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Jagd nach dem Glücke. — Vermischtes. Bonn, 26. Mai. Errieft Renan. in. Der Bibelforscher. Unsere Leser werden vielleicht beobachtet haben, daß wir nur selten der Bibelkritik, wie sie in den letzten Jahrzehnten geübt wird, unsre Aufmerksamkeit zuwenden, obschon wiederholt Versuche gemacht worden, auf die unsicheren und sich widersprechenden Resultate derselben die Geschichte des Volkes Israel zu construiren, und sehr sonderbare Erzeugnisse daraus hervorgegangen sind. Wir thaten dies zunächst, weil bei fortgesetzter Beachtung und Bekämpfung derselben wohl zwei Drittel unserer Zeit und unseres Raumes davon eingenommen wären. Alsdann, weil wir jeder nachfolgenden Phase dieser Hyperkritik ruhig die Widerlegung der vorangegangenen überlaffen konnten; denn selbst wenn sich die folgende auf eine der vorangegangenen stützte, kam sie doch zu ganz anderen Resultaten als die, welche sie zu ihrer Grundlage genommen. Endlich glaubten wir, daß diese hypothesenreiche Kritik in unserem speciellen Kreise keine Anhänger und Jünger finden werde; wir erwarteten dies von den jüdischen Gelehrten nicht sowohl aus Standes- und confessionellen Rücksichten, sondern weil wir der Meinung waren, daß die anderen Forscher an die Bibelkritik erst nach ihren Gymnasial- und Universitätsstudien, also ganz in der nüchternen, meist an äußerliche Momente sich anknüpfenden philologischen Methode herankämen, während der, welcher von Kindesbeinen an mit dem Geiste der hebräischen Literatur und Sprache vertraut und von ihm durchdrungen worden, mit einer ganz anderen Gesinnung, mit einem ganz anderen Takte, mit innigerer Berücksichtigung des Geistes, der Motive und Zwecke der h. Bücher diese zu erforschen und zu verstehen sich bemüht. Diese Erwartung ist nicht ganz in Erfüllung gegangen, und wir haben bereits Männer und Autoren unter uns, welche sich auf die Wege dieser Hyperkritik geworfen haben und eifrig auf ihnen fortschreiten, die doch zur Zersetzung der historischen Grundlagen unserer Geschichte und Religion führen. Gewiß sind auch wir der besonnenen und das innere Leben unserer h. Schriften berücksichtigenden, vorsichtig vorgehenden Kritik nicht zuwider und nehmen deren Resultate nach sorgfältiger Prüfung an. Aber wir sind stets dieser Auflösungs¬ und Zerstreuungssucht nach unseren Kräften entgegengetreten, die nichts als Trümmer und Gerölle hinter sich läßt, wo doch ein einheitlicher Geist, eine ganz bestimmte Lehre, eine harmonische Weltanschauung, ein überall übereinstimmendes Sittlichkeitsgesetz besteht und bestehen bleibt, weil dennoch der durch die Jahrtausende geheiligte Text alle Versuche, ihn zu zersetzen, überdauert. Gerade deshalb haben wir den Artikeln Ernest Renan's eine Besprechung zugewendet, weil er einerseits ein Bild der jetzt herrschenden kritischen Ansichten giebt, andrerseits synthetisch verfährt und gewissermaßen einen Abschluß, soweit dieser möglich ist, aufzustellen versucht. Nach der allgemeinen Erörterung in unserem vorigen Artikel mögen wir deshalb einige Einzelheiten in Erwägung ziehen. 23