Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Hudmlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jiidische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Gspeöition: Leipzig, Wotzplah 18. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philipps»» in ' Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 13 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 25. Mai 1886. Nr. 22. Inhalt. Leitende Artikel: Der kirchenpolitische Friedensschluß. — Ernest Renan. — Wohlthätige Werke. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Kolberg, Danzig. — Oesterreich-Ungarn: Brünn. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa, Turek. — Rumänien: Rustschuk. — Belgien: Brüssel. — Amerika: Chicago. — Bonn: Notizen. — Bonn, Turek: Literarische Notizen. —Feuilleton: Valbert über Heinrich Heine. — Noch einmal Baron Popper.— Der Reisende Rabbiner Mardochai. — Vermischtes. JuitenSe Bonn, 18. Mai. Der Kirchen politische Friedensschluß. Dieses den Tag beherrschende Ereigniß ist von zu großer Bedeutung, als daß nicht auch wir an dieser Stelle es von unserem Standpunkte aus beleuchten müßten. Nach dreizehnjährigem Kampfe, der die deutsche Nation spaltete und den inneren Frieden unterwühlte, will man jetzt den Friedensschluß herbeigeführt haben, die harten Maigesetze beseitigen und der römischen Kirche die ihr früher zugestandenen Rechte, vielleicht in einem noch größeren Maße, wieder gewähren. Dies ist eine merkwürdige Erscheinung, die in ihrer ganzen Tragweite uns verständlich werden muß. Zuerst fragen wir: war dies von Anfang an ein Principienkampf oder nur ein Machtstreit? Allerdings in seiner ersten Periode sprachen die maßgebenden Kreise sich wiederholt dahin aus, daß es sich um die Integrität der Rechte des Staates handle, daß der Staat auch auf kirchlichem Gebiete autonom sei; daß die Uebergriffe der römischen Hierarchie zurückgewiesen und beschränkt werden müßten, daß das katholische Volk und die niedere Geistlichkeit von dieser absoluten Macht zu befreien seien, daß „ die höchsten Güter der Menschheit" vertheidigt werden müßten. Jndeß im Verlaufe des Streites wurden solche Aussprüche, die natürlich eine Menge gebildeter Geister angezogen hatten, immer seltener und verschwanden gänzlich, sobald man sich dem Frieden wieder zuneigte. Man hatte geglaubt, daß jener alte Kampf zwischen Kirche und Reich, der der deutschen Nation so unsäglich viele und schwere Opfer gekostet, sich jetzt erneuere und durch die Wucht des neuen deutschen Reiches, der geeinigten deutschen Nation zu Ende geführt werden würde. Dies hat sich nun alles nicht bewährt. Man kommt vielmehr zu dem Gedanken, daß den Streit zwischen Staat und Kirche auszufechten vielmehr den romanischen Völkern Vorbehalten sei, weil diese katholische sind, in deren Schoße die anderen Religionsparteien verschwindende Minoritäten bilden. In Deutschland aber stehen sich Protestantismus und Katholicismus schroff gegenüber, und die Katholiken in ihrer Minderheit machen doch einen beträchtlichen und, wie sich gezeigt hat, streitbaren Theil der Nation aus. Der zu Ende gehende sog. „Kulturkampf" war ein Versuch, der sich aber nunmehr als mißglückt herausstellt. Thatsächlich ergiebt sich, daß mit den großen Ereignissen von 1870 in Rom und Versailles in Deutschland eine katholische Opposition sich erhob, die einerseits dem Verlangen nach der Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes, andrerseits der Furcht vor dem Protestantismus, der jetzt den deutschen Kaiserthron bestiegen, entkeimte. Hieraus entstand im Parlamente eine katholische Partei, die ihre Vertreter zu einem festgeschlossenen Ganzen, dem sog. Centrum vereinigte. Da dieses Centrum bald einen sehr beträchtlichen Bruchtheil der Volksvertretung bildete, so war dessen oppositionelles Gebühren für die Regierung bald sehr hinderlich. Hierzu kam, daß die vorangegangene Regierung den katholischen Bestrebungen selbst in der Verwaltung einen sehr weiten Spielraum gewährt hatte, den die nunmehrige Regierung nicht belassen mochte. Diese Maßregeln schärften den Gegensatz. Dies war die faktische Veranlassung zum Kulturkämpfe, der in den sog. Maigesetzen seinen Ausdruck und sein Schlachtfeld fand. Den weiteren 22