Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1886)
- Date
- 1886-05-04
- Page
- Seite 303 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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303 der eilten Seite den fein geschniegelten, vornehmen Herrn Professor Hänel, einen Meister des Wortes, mit künstlerisch abgerundeten Gesten beim Vortrag, auf der andern Seite einen äußerlich unglaublich ungeschickten Herrn, der bei seiner Jungfernrede im Reichstag durch sein komisches Auftreten unter unauslöschlicher Heiterkeit durchfiel. Wer ist Sabor? Dort dicht neben dem Tisch des Hauses der lange schlanke Mann! Kennen SieMunkascys berühmtes Bild: „Christus vor dem römischen Landpfleger? Wenn nicht das Original, so werden Sie doch sicher eine Nachbildung gesehen haben. Den Mittelpunkt des Bildes bildet der arme Christus, dem der ungarische Maler ein Aeußeres verlieh, gegen welches die ganze gläubige Welt Protest erhob. Ein von Fasten und Grübeln ausgemergelter junger Rabbi mit überwachten Augen, nach innen gekehrtem Blick und fahlen, verhungerten Wangen, das Bild eines schmalschultrigen, in Grübeleien verwelkenden Stubengelehrten von ausgeprägt jüdischem Typus. Nehmen Sie diese Christusfigur aus dem Bild Munkascys, ziehen Sie ihr einen großen schwarzen Gehrock und schwarze Hosen an, färben Sie ihr das lange, herabwallende Haar tiefschwarz, und Sie haben ein genaues Bild von der äußeren Erscheinung des sozialdemokratischen Vertreters der reichen Kapitalistenstadt Frankfurt a. M. Es ist wirklich lustig, daß das millionenreiche Frankfurt von einem Sozialdemokraten im Reichstag vertreten wird. Allerdings ist dieser Sozialdemokrat ein reicher Mann. Von Haus aus war Adolf Sabor arm; er studirte Philosophie und Staatswissenschaften, schlug sich als Hauslehrer mühsam durchs Leben, wurde schließlich ordentlicher Lehrer an einer israelitischen Schule in Frankfurt, verlor aber die Stellung wegen seiner politisch radikalen Vorträge in Volksversammlungen und mußte sich nun Jahre lang schlecht und recht als kleiner Privatlehrer durchschlagen. Eine reiche Schülerin verliebte sich eines Tages in den stillen, bescheidenen Gelehrten; das treue Mädchen besiegte den Widerstand der Eltern und führte den Geliebten endlich heim, ihn mit ihrem großen Vermögen aus der Sorge und dem Kampf um das tägliche Brod befreiend. Es wird viel Gutes von Sabor erzählt und als ein besonders schöner Zug hervorgehoben, daß er jetzt, wo er anders seinen Ehrgeiz befriedigen könnte, seine Zeit dazu verwendet, unentgeltlich Schulstunden an arme und talentvolle Kinder zu ertheilen. Als Volksvertreter glänzt er vorläufig noch durch den naiven Ernst und die feierliche Gemüthsstimmung, mit welcher er die Redekämpse des hohen Hauses verfolgt. Auch ist er bereits Urheber eines geflügelten Wortes im Parlament. Als er bei seiner Jungfernrede heftig ausgelacht wurde wegen des hohlen Grabestons, in dem er sprach, und wegen der grotesken Arm- und Handbewegungen, die er fortwährend machte, stöhnte er in schmerzlicher Bewegung mit einer Stimme, so geisterhaft wie Hamlets Vater, ins Haus: „Meine Herren, das läßt tief blicken!" Nun brach erst recht eine unbändige Heiterkeit aus. Bald daraus zirkulirte die fingirte Anzeige eines Frankfurter Korsettfabrikanten, die nichts weiter enthielt als die Worte: »Oorssts ö. 1a Sabor“. Seitdem ist der arme Sabor mit dem Fluch der Lächerlichkeit geschlagen, und es wird wohl noch eine geraume Weile dauern, ehe die komische Erinnerung allmählich verblaßt und sein Auftreten ihm erleichtert wird. Vermischtes. Ein zweiseitiges Urtheil über Richard Wagner. Ein französischer Schriftsteller, Catulle Mendes, ein Freund Richard Wagner's, hat ein Buch über diesen geschrieben, in welchem er ihn als Franzosenfeind verurtheilt, als Componisteu glorifizirt. Im Vorwort erzählt er: „Ich speiste einst in Budapest bei einem dortigen Banquier; derselbe haßte Wagner wegen seines Buches „Die Juden in der Musik." Allein als Musiker mußte er den Componisten des „Lohengrin" verehren. Er zeigte mir in seinem Arbeitskabinet eine Büste des Meisters, deren Dekorirung seinen Gesinnungen Ausdruck verlieh: die Büste trug einen Strick um den Hals und einen goldenen Lorbeerkranz auf dem Haupte. Man sollte über Wagner just so denken, als es dieser Mann that. Man soll ihn verachten und zugleich bewundern. Ich war sein Freund, ich bin es nicht mehr, aber ich bleibe sein glühender Apostel. Ich beschränke mich darauf, ihm nicht die Hände zu reichen, welche ihm applaudiren ..." — Gabriel Riesser als Redner. Dr. Georg Beseler hat „Erlebtes und Erstrebtes" (Berlin, Hertz 1884) herausgegeben. Am bedeutendsten sind seine Schilderungen aus der Paulskirche. S. 84 bemerkt er: „Nach einer hervorragenden Debatte, in welcher der Berichterstatter Riesser sich als den größten Redner der (Deutschen National-) Versammlung bewährte, ff." Ein solches Urtheil aus dem Munde eines ebenso unparteiischen wie gründlichen und dabei durchaus nüchternen Juristen ist gewiß entscheidend. Freilich, Richard Wagner und Prof. Billroth wissen es besser, denn nach ihnen können die Juden weder deutsch schreiben noch sprechen!