Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1886)
- Date
- 1886-04-27
- Page
- Seite 286 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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286 noch müssen wie in der Straße Fiumara, jene kleinen und engen Erdgeschosse zu Wohnungen und zu Verkaufsläden zugleich dienen. Noch tödtlicher wirkt dieser Umstand in der Straße Fiumara, da die Lage seiner Fläche allzu tief ist, so daß beim Anwachsen des Tiberflusses verheerende Ueberschwemmungen eintreten, welche durch die lang andauernde Nässe, die sie zurücklassen, den Insassen seiner Wohnungen eine Quelle von Krankheiten werden, die die Gesundheit, oft das Leben selbst, sehr gefährden. Nicht weniger ist das Verbot, jenseits der bezeichneten Grenzen Läden zu haben, von einem anderen Gesichtspunkte aus betrachtet, diesen Israeliten schädlich. Sie stoßen nämlich auf Schwierigkeiten, manchmal auf unüberwindliche, wenn sie ihre Thätigkeit außerhalb des Betriebes mit dem Handel, vorzüglich mit Kleiderhandel, zu entwickeln sich bestreben wollten. Sie richten wohl abwechselnd ihren Blick auf hundert Arten der Industrie, der Kunst und der Wissenschaft; aber bei der Lage, in welche sie gedrängt worden sind, lächelt ihnen keine Hoffnung, eine andere Laufbahn betreten zu können. In der Textil-Jndustrie, welche vormals von ihnen allein in dieser Hauptstadt betrieben wurde, (der Klasse von kaufmännischen Schneidern, welche das Geschäft der Draperien vertreten, nicht zu gedenken), sind ihnen seit einigen Decennien in dem doppelten Zweige des Geschäfts, sowohl 6N detail als auch en gros, andere auswärtige und heimische Konkurrenten erstanden. Diese, mit sehr prächtigen Magazinen ausgestattet, welche in dem bevölkertsten und reichsten Centrum belegen sind, entzogen dem Handel der Israeliten, welcher auf einen einzigen und weniger bedeutenden Punkt der Stadt beschränkt war, einen großen Theil seiner Lebensfähigkeit. Daher sind Einige hierbei ganz zu Grunde gegangen, Andere führten ein mühsames, angstvolles Leben fort, noch Andere, und das waren die Reichsten in der Gemeinde, verzagt durch einige Verluste, beraubt des Rechts für den Grundbesitz, welches ihnen das Vermögen gesichert hätte, wandelten nach anderen Ländern aus, zurücklassend die Vielen, denen sie sonst Hülfe gewährten, Rath ertheilten, und die nunmehr eine Beute des immer größer sich gestaltenden Elends werden mußten. Es wird, heiliger Vater, gewiß nicht Eurer weisen Einsicht entgehen, wie ein solches Zusammenwirken von Widerwärtigkeiten, die Ausgabe dieser frommen israelitischen Institutionen, welche entstanden sind und fast ganz erhalten werden von der Beisteuer der Privatwohlthätigkeit, wie aus der beigefügten Uebersicht zu entnehmen ist, sehr erschweren mußte. Denn während ihnen einerseits wegen der erwähnten Auswanderung alle jene Familien fehlten, welche vormals die verschiedenen Anstalten versorgten und sie mit großem Eifer und vieler Liebe zu ordnen, zu bessern trachteten, verblieben jhnen, gegenüber den größten unabweislichen Bedürfnissen, nur die kärglichen und unbestimmten Einnahmen. Anderseits hielten die Schwierigkeiten des eigenen Zustandes die Anderen ab, denen die Sorge für jene Anstalten anvertraut war, sich mit Ausdauer jenen Interessen zu widmen, die um so nöthiger wurde, je mehr in dieser Bevölkerung mit den Jahren die Armuth zunahm. Diese zu beseitigen, fehlt es dieser Gemeinde an zweckentsprechenden Einrichtungen, da seine vom Gesetze diktirte Lage und der Mangel an Mitteln jedem Versuche hindernd entgegentreten. Sie hat zwar eine Elementarschule für den religiösen und bürgerlichen Unterricht eingerichtet, aber, vom Hunger gequält, verläßt der Sohn des Armen die Schule in noch zartem Alter, um sich ein Stück Brod zu verschaffen, mit welchem seine Eltern ihn nicht sättigen können, um sich jenen Lappen zu suchen, mit dem er seine Blöße bedecken könnte. Zuweilen Packträger, zuweilen Lumpensammler, zuweilen Händler mit Schweselhölzern, zuweilen Laufburschen und Aufwärter, Aufkäufer von alten Sohlen, Wasserträger und Lastträger, und nie, niemals etwas anderes! Keine andere Nahrung für ihre intellektuellen und moralischen Kräfte! Von hier aus beleuchtet die Denkschrift die ganze Geschichte des Ghetto, nachdem alle diejenigen Päpste erwähnt worden, welche gegen die Juden mild und wohlwollend gewesen. Nun die Schicksale des Ghetto von dessen Gründer Paul IV. 1555 an. Es ist eine lange Leidensgeschichte, nur hier und da von einem wärmeren Strahle durchbrochen. Der Redner schließt folgendermaßen: Die Petenten fanden nicht mehr Zeit, die Beilagen, welche historische Excerpte, finanzielle Nachweisungen, statistische Uebersichten enthalten sollten, abzufassen — der 20. September 1870 war hereingebrochen und die weltliche Herrschaft des Papstes hatte mit einem Male ihr Ende erreicht. Rom war eine italienische Stadt geworden und schon in den ersten Tagen dieses Weltereignisses, am 23. September, übergaben die Juden in Rom eine enthusiastische Dankadresse an den König Victor Emanuel in die Hände des Generals Cadorna. Sie fühlten, wie sie sich darin ausdrückten, das Bedürfniß, dem Könige die Huldigung ihrer grenzenlosen Dankbarkeit als Italiener, als Römer, und als Israeliten darzubringen. Das päpstliche Ghetto hatte mit einem Schlage aufgehört, nicht aber das lokale, welches noch 15 Jahre gedauert und erst seit einigen Monaten immer mehr zum Abbruch gelangt. Die Zeitungen haben während dieser 15 Jahre sehr oft die falsche Nachricht gebracht, daß die Juden das Ghetto nicht verlassen wollen — sie hätten sagen müssen, nicht verlassen können. Denn sie konnten das bereits erwähnte jus Gazaga, welches allein von allem früheren Besitze ihnen verblieben war, nicht ohne weitere Entschädigung aufgeben. Darüber entspann sich ein Prozeß, der viele Jahre gedauert hat und erst vor 2 Jahren in allen Instanzen zu