Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1886)
- Date
- 1886-04-20
- Page
- Seite 266 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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266 einanderzusetzen. Wir haben diese Bemerkungen vorausgeschickt, weil sie das Folgende klarer beurtheilen lassen. Da erscheint zu Berlin seit vier Jahren ein „Deutsches Adelsblatt", eine „Wochenschrift für die Interessen des deutschen Adels beider Confessionen." Die Anschauung des Blattes geht dahin, daß der deutsche Adel, um sich zu regeneriren, nichts nach dem Reichthum fragen, vielmehr den Kampf gegen „den Kapitalismus" aufnehmen und hierzu mit der Volksmasse sich in Verbindung setzen, die Interessen der letzteren führen müsse (in der Wirklichkeit bemüht sich wohl der Adel mehr um als gegen das Kapital!). Deshalb richtet das Blatt seine Pfeile gegen die „reichen Heirathen, die doch nur die Genußsucht beförderten." (Es möchte wohl umgekehrt der Fall sein.) In Nr. 8 d. I. finden wir nun einen Artikel „die englische Aristokratie." Diese wird als selbstbewußteste, politisch tüchtigste, reichste und stolzeste der Welt" bezeichnet. Dann heißt es weiter: „Um so befremdlicher wirkte deshalb die Nachricht, mit dem Auftauchen des neuen Ministeriums Gladstone, einen Herrn Herschel zum Lordkanzler und damit zum Vorsitzenden des Hauses der Lords erhoben zu sehen, zumal nachdem das ursprünglich verbreitete Gerücht, in dem neuen Lordkanzler einen Nachkommen des berühmten Astronomen gleichen Namens begrüßen zu dürfen, sich als irrthümlich erwiesen und der Stammbaum auf einen kleinen Juden in einer kleinen polnischen Stadt wahrscheinlich aus der dort weit verbreiteten Familie Hersch zurückgeführt war. Allerdings soll der Hr. Herschel die Taufe empfangen, auch einen hervorragenden Platz unter den Rechtsgelehrten Englands eingenommen haben, doch bleibt cs immerhin ein sehr charakteristisches Zeichen der Zeit, daß die englische Aristokratie selbst keine derartigen Persönlichkeiten mehr zu liefern vermag und daß sie auch keinen Stachel darin zu finden scheint, den Enkel eines kleinen polnischen Juden als primus inter pares bei sich aufzunehmen." Noch viel befremdlicher, fügen wir hinzu, muß es sein, daß der adlige Verfasser dieses Artikels nicht daran denkt, daß die englische Aristokratie, und zwar gerade der torhstische Thcil derselben, schon seit dem Beginn der vierziger Jahre einen anderen getauften Jude», Benjamin D'Jsraeli, zum Führer und Sprecher sich gefallen lies, der iviederholt als Premierminister das Staatsruder des britischen Reiches führte und zuletzt auch Mitglied des Oberhauses wurde. Man hat ihn ja auch als Lord Beaconsfield in Berlin gesehen, als Vertreter Großbritanniens im Berliner Congreß. Also schon fast ein halbes Jahrhundert hatte, nach der Meinung des Vers., die englische Aristokratie derartige Männer nicht mehr geliefert und mußte deshalb zu getauften Juden Zuflucht nehmen. Dabei konnte dem Verfasser doch eine Erinnerung nicht fern bleiben, daß es der preußischen Adelspartei auch nicht besser ergangen. Nach einem witzlosen Hinweis auf den Adel der Juden, die ihren Stammbaum aus die Erzväter und den König David zurückführen, fügt er hinzu: „Wir vergessen dabei nicht den Professor Stahl im preußischen Herrenhause, doch war und ist das preußische Herrenhaus eben kein Haus der Lords; auch hat niemals Jemand daran gedacht, den Herrn Stahl zum Präsidenten des Herrenhauses zu machen." Diese Ausflucht hilft nichts. Die Partei hatte keinen Führer und keinen Sprecher, und mußte den getauften Juden als solchen auf den Schild erheben. Uebrigens brauchen sich diese Herren in Preußen und im deutschen Reiche nur umzusehen, um heute getaufte Juden in den höchsten Stellen zu erblicken. Wir unsererseits stellen z. B. das deutsche Reichsgericht in unserer Achtung durchaus nicht hinter das englische Oberhaus. Aber dem adligen Vers, macht noch ein Anderes Herzeleid. Er fährt fort: „Es tritt hinzu, daß neben dem Herrn Herschel der Lord Rosebery, der Schwiegersohn des Barons Rothschild, eine hervorragende Stellung gewonnen. Man scheint noch überall im Unklaren darüber zu sein, welche Tragweite es hat, daß die auswärtige Politik Englands, die im hervorragendsten Maße eine Weltpolitik ist, in die Hände eines Mitgliedes der königlichen Familie des Judenthums gelegt und dadurch gewissermaßen eine innere Angelegenheit der Familie Rothschild geworden ist, zumal wenn man dabei erwägt, daß diese Familie in Frankreich schon seit längerer Zeit dieselbe beherrschende Stellung einuimmt, die sie jetzt in England zu erobern im Begriff steht. Für uns nämlich, die wir uns mit der sociale» Frage nicht bloß oberflächlich beschäftigen und hier und da an derselben herumflicken, unterliegt es keinem Zweifel, daß auch in England zunächst die koncentrirte Geldmacht ihre Triumphe feiern wird, bis sie eben auch dort dahin gelangt ist, den Grundbesitz in seiner specifischeu socialen und politischen Bedeutung zr absorbiren und Alles in Gold zu verwandeln, worauf bekanntlich für den Betheiligten der Hungertod erfolgt." — Dieser Seribent scheint sich wirklich einzubilden, daß mit dem zufälligen Eintritt des Lord Rosebery in ein Ministerium, dessen Dauer sehr zweifelhaft ist, die ganze englische Politik in die Hände Rothschilds gelegt ist, als ob diese Politik schließlich nicht von den übrigen Cabinetsnntgliedern, namentlich von Gladstone und vom Unterhause, also vom Volke abhängig wäre, als ob nunmehr der Schwiegervater des Lord R, der noch dazu längst im Grabe sich befindet, ganz allein die englische Weltpolitik mache! Da kann es uns denn nicht Wunder nehmen, daß der deutsche Kritiker aus seinem kleinlichen Gesichtspunkte heraus den Untergang Großbritanniens und Frankreichs vor seinen Augen sieht, ohne zu beachten, daß ähnliche einflußreiche Stellen