Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 13 (23.3.1886)
- Date
- 1886-03-23
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Streben, die Begeisterung, das Ideal nahmen sie »nt hinaus; sie fühlten, daß sie nicht fertig waren. „Dem Fertigen ist nichts recht zu machen (er macht auch wenig recht), der Werdende wird dankbar sein." — Wenn Diesterweg es als Zeichen eines echten Lehrers hinstellt, — und Diesterweg griff in seinen pädagogischen Recepten nicht fehl, — daß der Lehrer sich erstens an die Hauptquellenschriften seines Faches halten müsse — und zweitens noch ein Lieblingsfach mit Ernst und Eifer betreibe, so trifft das bei den meisten jener Lehrer zu, so daß sich einzelne sogar durch ihr Lieblingsfach einen Spitznamen erworben haben. Daß es auch faule Aepfel mit schillernder Röthe gab und giebt, ist selbstredend — und dürfte uns ein solches Exemplar noch aufstoßen. Die Erfüllung der Forderung, welche obige Kennzeichen eines echten Lehrers an diesen stellen, ist der jetzigen Lehrergeneration sehr erschwert. Wem bleibt noch Lust und Muße zum Studium eines Niemeier, Denzel, Pestalozzi, Beneke rc. bei der Nothwendigkeit des Durch fliegens der leichten und seichten Tagesliteratur — um „auf dem Laufenden" zu bleiben? Wer kann und wird daran denken, sich in Quellen¬ oder gründliche Fachschriften zu vertiefen, die eine geistige Sammlung erfordern, da eine Fluth von Schulreceptbüchlein oder Heftlein erscheint, welche das zu erfüllende Pensum erleichternd skelettiren? Woher die Zeit nehmen, bei der Anforderung an die Ausfüllung all der Listen, Pensum-Tagebücher rc., worin die Lehrer sich gleichsam über das Vor- und Durchgenommene die Quittung selbst ausstellen und wohl auch noch nebenbei alle bedeutsamen historischen Schulereignisse zu Nutz und Frommen der neugierigen Nachwelt extra in ein Buch der Chronik eintragen wollen oder sollen? — Unter andern das pädagogische Interesse herabdrückenden Umständen ist besonders hervorzuheben, daß vordem die meisten Schüler der Elementarschule bis zur Abrundung einer gediegenen Elementarbildung verblieben, jetzt aber die Hetzjagd nach dem Freiwilligenscheine die Knaben sehr früh in die höheren Lehranstalten treibt, weshalb nach der Meinung vieler gewiegter Pädagogen diese höheren Bildungsanstalten unten an der Wassersucht, oben an der Schwindsucht leiden. Sonderbar, viele gebildete Kaufleute ziehen einen Lehrling mit guten Elementarkenntnissen dem jungen Manne mit dem Freischein vor, da in der Regel der erstere im Rechnen, in schriftlichen Arbeiten rc. tauglicher sein soll. Genug des allgemeinen Raisonnements, während dessen wir nun glücklich in Kumeran angelangt sind. Diesen Ortsnamen wird man vergebens in einem Specialatlas, im Stein oder Daniel suchen, er ist gegen früher — zur Zeit unserer Portraitirung defect; damals hieß er Kumheran, welches nach den Resultaten ernster Erforscher geographischer Namen aus: Kum-her—an zusammengezogen sein soll. Sie behaupten! nämlich, daß dieser wichtige Name bei der Einführung der I neuen Schreibart, welche zwischen dem fehlbaren und unfehlbaren „h" so sinnreich unterscheidet, das „h" habe abgeben müssen. Der Ort interessirt uns indeß wenig, desto mehr aber der Lehrer Amberg, welcher vor drei Jahren frisch vom Seminare dahin gekommen und seitdem dort amtirt. So jung er ist, denn er ist erst einige zwanzig Jahre alt, so hat er sich doch schon bei seinen befreundeten College» den Titel „Grammatiker" erworben. Ein Blick durchs Schulfenster zeigt den Grammatiker in voller Thätigkeit. Wir treten ein und klopfen an, — die Schulthüre öffnet sich, der Grammatiker begrüßt uns mit freudiger Ueberraschung und führt uns zur gegenüberliegenden Thüre, die er öffnet. Da ist uns seine Wohnung erschlossen, Wohn-, Schlaf- und Studirzimmer. Aber diese Dreifaltigkeit seiner Behausung liegt noch in malerischer Unordnung, und so führt er uns zurück in sein geräumiges Schulzimmer, wo frische Knaben und ditto Mädchen, im Alter von 5 bis 14 Jahren, aufschauen, fragend auf den Lehrer, neugierig auf die Gäste; fragend auf den Ersteren, weil sie vielleicht zu Ehren der Gäste einen freien Vormittag oder ganzen Tag erwarteten. Aber nur ein Mädchen rief er heraus und sagte im Flüstertöne zu demselben, es solle die Aufwärterin ersuchen, das Wohnzimmer empfangsmäßig aufzuräumen; und sagte zu uns in entschuldigendem Tone, daß er principieü ohne Roth keine Lehrstunde ausfallen lasse.— „Recht so, und wir sehen den College» am liebsten beim Unterrichte. Es ist immer für beide Theile ein Genuß, oder sagen wir lieber ein Gewinn." „Dem Besuche zu Ehren mag das strenge Gesetz ruhen, der Stundenplan nämlich außer Kraft treten — ich erlaube mir zu wiederholen, aber ein Examen will ich nicht zum Besten geben. Ich liebe das viele Examiniren nicht, zudem habe ich kürzlich ein solches vor dem Schulpfleger und dem Vorstande der Gemeinde unter Assistenz von Damen und Herren meiner Schulinteressenten abzuhalten", sagte Herr Amberg von den Kindern ab- und uns zugewandt. „Ganz recht, das häufige Examiniren der Kinder vor fremden Ohren wird leicht Schaustellung und spitzt sich oft zum Stachel der Eitelkeit zu; also kein Examen, gut eine Wiederholung im Tone, werktäglichen Unterrichtes", sagte zustimmend mein Begleiter. — Die Religion als Hauptfach hatte den Vortritt. Der Lehrer unterrichtete, — warf indeß viele Fragen ein, welche knapp, ohne jegliches überflüssige Wort, kein Mißverständniß zuließen. Der Ausdruck war scharf accentuirt; die Erklärungen und Antworten der Kinder waren prompt und zutreffend, zeigten auch gute Bekanntschaft mit Geschichten und Sprüchen der Bibel. In dem nun folgenden Unterrichte im Hebräischen wurden wir angenehm überrascht. Mädchen sowohl wie Knaben