Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 126 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Schatten, um zu schlafen. Ich skizzirte; die Oelfarbe trocknete während des Malens. Als ich mich nach einiger Zeit umsah, schlief auch Menah; sie bedurfte schon jetzt keiner Schminke mehr. Die Hände waren mit einem Zweig reifer Beeren in den Schoß geglitten — der Schlaf hatte sie im Genuß überrascht. Der Kopf war zurückgesunken — der leichte Schatten von ein paar Blättern fiel auf das anmuthige Gesicht. Ach, Ebn Eschak, könntest Du sie jetzt sehen! Das war mein Gedanke. Nach der Rast ging's landeinwärts. Es sollte etwa eine Stunde von da sich ein großes Dorf auf einer Anhöhe befinden. Längst hatte ich gewünscht, es zu sehen, und bat Isaak, uns den Weg zu zeigen. Da er zwei Stunden geschlafen, wagte er nicht über Müdigkeit zu klagen. Nun wateten wir statt durch Sand durch hohes Gras, das die Sonne fast zu Asche gebrannt. Ich fürchtete, es könnten Schlangen darin verborgen sein, mochte mich aber nicht feige zeigen, weil ich den Weg veranlaßt hatte. Nur ließ ich Isaak mit einem Tambourin vorangehen, obwohl er das Musiciren höchst unnöthig fand. Wir trafen keine Schlange, aber drei unheimlich große, gelbe Scorpione auf einem kleinen Sandhügel. Unweit des Dorfs klang uns ein sonderbares, vielfältiges Geklapper entgegen, und bald entdeckten wir einen wahren Bolksauflauf von Störchen. Sie bedeckten Häuser, Bäume und Hecken. Fleisch und Fische fanden wir am Anfang des Dorfes auf Leinen zum Dörren aufgehangen wie auf unseren heimischen Trockenplätzen die Wäsche. Nackte Buben wehrten mit Knüppeln die Vögel ab. Die Häuser glichen den ärmlichsten von Tanger auf ein Haar. Cactushecken zäunten sie ein. Vor dem stattlichsten Gehöft, das von einer Mauer umgeben war und die Frauenwohnung des Besitzers enthielt, klatschte Isaak in die Hände. Kein Mann außer dem Eigenthümer hatte hier Zutritt. Der Kopf einer Negerin erschien über der Mauer. Isaak begehrte Einlaß für Menah und mich. Sie schloß das Thor auf und wir traten ein. In diesem Frauenkäfig schien Hauptfütterung zu sein. Fünf junge Frauen vom Maisgelb bis ins Mahagonibraun saßen um ein niedriges Tischchen, auf dem eine Schüssel mit Kuskus stand. Pantomimisch lud man uns zum Mitgenuß ein. Mir schwebte Salomo's undurchsichtiges Glas vor und die Christenpflicht. Aber die Weiber waren nicht schwarz — so schüttelte ich energisch mit dem Kopfe. Unweit von den Uebrigen beugte sich ein ganz junges, schönes Negerweib zu einem mindestens dreijährigen Knaben herab, der an ihrer Brust trank. In der einen Hand hielt der Kobold ein Bambusrohr, mit dem er von Zeit zu Zeit auf die Frau schlug. Mit der anderen hatte er eins der kleinen Zäpfchen erfaßt, in die ihr Wollhaar geflochten wqr, um sie daran nach seiner Bequemlichkeit hin- und herzuzerren. Als wir eintraten, wandte er sich um und fletschte die Zähne. Was für Unheil mochte er bei seinen Mahlzeiten mit dieser Doppelreihe spitzer kleiner Zähne anrichten! Während ich darüber nachdachte, trank er weiter und zauste das arme Weib, daß es laut stöhnte. Das gäbe eine hübsche Vignette für den, welcher die afrikanische Frauenfrage behandeln wollte. Als wir das Dorf kaum im Rücken hatten, begegneten wir einem Reiter. Isaak warf sich fast zur Erde. Es war der Besitzer jener Frauensammlung. Er hielt sein Pferd so kurz an, daß es sich bäumte. Ich sah zu ihm auf. Ein stattlicherer Blaubart ist mir selten vorgekommen. Der Gürtel strotzte von Waffen. Eine breite mächtige Brust hob das bunte Wamms. Unter zusammengewachsenen Brauen blickten uns ein paar glühende, gierige Augen an — einen Moment nur, dann sprengte er weiter. Die Fluth war eingetreten; wir mußten den Weg über die Berge nehmen. Einen abschüssigen Hügel ging's immer hinunter, einen anderen hinauf. Endlos dehnte sich staubiges, schattenloses, von der Hitze zerklüftetes Land. Bleigrün flimmerte die Luft. Die Füße brannten; Niemand redete ein Wort. Es mußte spät sein — noch immer kein Tanger. Plötzlich ergreift mich eine furchtbare Angst — wenn wir die Stadt nicht vor acht Uhr erreichen, sind die Thore geschlossen und wir müssen mit herrenlosen Hunden, Schakalen, vielleicht Hyänen die Nacht im freien Felde zubringen. Die Thorschlüssel empfängt der Gouverneur, kein Pförtner darf dem Verspäteten öffnen. Ich habe die Verantwortung für Menah und glaube es nicht zu überleben, wenn ihr ein Leid znstößt. Ich bin ohne Uhr, weil Isaak die Zeit an der Sonne mißt, und scheue mich fast, zu fragen. Mit einer letzten Kraftanstrengung — denn wir steigen eben bergan — falle ich in einen wahren Schnellläuferschritt. Ein paar Minuten folgt Isaak mit der stöhnenden Menah und schielt nur schadenfroh nach mir hin. Dann ruft er: „Jetzt sind wir am Ziel — gleich werden Sie die Stadt sehen!" Wirklich lag sie ein paar Minuten darauf vor uns, die Anhöhe hatte sie nur verborgen. Schöner ist mir der Ausblick auf Tanger, das sich terassenförmig nach dem Meere senkt, nie erschienen! Auf einem weiten Platz nächst der Stadtmauer findet sich hier der Brunnen mit dem besten Trinkwasser. In Tanger bedeutet das so viel, wie in München Hofbräu. Abends trifft hier Alles zusammen — mit Ausnahme der Frauen; dafür ist man im Orient. Nicht weit davon, etwas höher, ruhten wir aus. In einem weiten Halbkreis saßen sie mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, die Männer und Jünglinge von Tanger nueva. Bor ihnen eilt Jnprovisator im weiten Burnus, der lebhaft gestikulirte und seinen Vortrag gleich in Scene setzte. Der Beifall war frenetisch. Manchmal hob