Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 77 (sequence 13)
- Language
- German
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77 lauf des ganzen Ereignisses aus Grund aller es betreffenden Dokumente, woraus sich die versöhnliche Haltung des Papstes und dessen viel milderere und gesündere Ansichten mit welchen er dem jesuitischen Ultramontanismus gegenübersteht, klar ergeben, so daß Leo XIll. hier im vortheilhaftesten Lichte erscheint. Natürlich kann ihn selbst seine diplomatische Feinheit nicht ganz von dem Dilemma befreien, in welches er hierdurch mit den Anforderungen des Non possumus geräth, das noch immer von dem größten Theile der ultramontanen Partei festgehalten wird. Eine gleiche Stellung nimmt er nun bei den jüngsten Verhandlungen mit dem deutschen Reiche dem deutschen Centruin gegenüber ein. Aus diesem Grunde hat die Abhandlung Astrucs noch ein besonderes Interesse. Für unsere Zeit ist die Erscheinung, daß ein Rabbiner — in völlig unparteiischer Weise — für den Papst und dessen Politik eintritt, gewiß von Bedeutung. Die Arbeit des Herrn Astruc empfiehlt sich dann noch durch die schöne, edle Form, die der Vers, seiner Schrift zu geben wußte, und die diesen in allen seinen Arbeiten auszeichnet. — Heber die Feier des 100 jährigen Todestages Moses Mendelssohns werden wohl mehrfache Veröffentlichungen erfolgen. Zuerst kam uns „Religiöser Vortrag bei der gottesdienstlichen Feier des 100 jährigen Todestages M. M.'s in der Neuen Synagoge zu Breslau von Dr. M. Io 8 l" (Breslau, Schottländer 1885) zu. Wie alle literarischen Erzeugnisse Joöls, ist auch dieser Vortrag geist- und gemüthvoll und behandelt die Frage, auf welche Weise gerade M. zu unseren Gunsten nach Außen gewirkt? Zugleich erschien von demselben Redner eine „Festpredigt bei der gottesdienstlichen Feier des Regierungs-Jubiläums unseres Kaisers und Königs Wilhelm." Hierzu gesellte sich die treffliche „Gedächtniß- Rede", gehalten in der Synagoge zu Görlitz von Rabbiner Dr. Freund (Görlitz, Schattig 1886). — Im „Fürther Central-Anzeiger" vom 5. und 6. Januar a. c. giebt Herr Siegmund Heumann im Feuilleton eine mit vieler Wärme und Umsicht gearbeitete biographische Skizze vom Leben und den Arbeiten des Redakteurs dieser Zeitung. — [SSorträge.] Auch in Bochum hat sich ein jüdischer Literaturverein gebildet, was vielen kleinen und großen Gemeinden noch immer zum Borbild dienen kann. In demselben werden Bortrage über Geschichte und Literatur gehalten, wozu auswärtige Gelehrte eingeladen werden, zu deren Borträge dann auch das größere Publikum Zutritt erhält. So hielt in diesem, voriges Jahr von Herrn Laubheim gegründeten Verein, jüngst Rabb. Dr. Jaulus aus Aachen einen Vortrag über „den Patriotismus der Juden", für welchen er eine lange Reihe geschichtlicher Beweise heranbrachte. Eine große, zum Theil christliche Zuhörerschaft lohnte dem trefflichen Redner durch ungetheilten Beifall. Brünn, im Januar. (Literarische Notizen.) Entgegnung. Wie ich höre, soll mehrere Wochen hindurch im Jnseratentheile des zu Mainz erscheinenden „Israelit" an mich die Aufforderung gerichtet worden sein, den Beweis zu dem in meinem Aufsatze „Das Ziel im Religionsunterrichte des weiblichen Geschlechts" (No. 39 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift) angeführten Satze, „daß die Frau nicht gehalten sei, das Tischgebet zu verrichten", zu erbringen. Wenn dem nicht so ist, trägt nur mein Berichterstatter die Schuld, denn ich bin selbst weder Leser des „Israelit", noch konnte ich ein Exemplar dieser Zeitschrift hier auftreiben. Dem neugierigen Herrn Inserenten habe ich zu erwidern, daß die betreffende Entscheidung im Talmud Berachoth 20 o mit der von mir angeführten Begründung Raschis sich befindet und im Schulchan Aruch tom. I. § 126. al. 1. citirt ist. Da ich vermuthen kann, daß der Herr Fragesteller sich die Sache selbst angesehen hat und mir nur ein Bein stellen will, indem er mich als pxn ny zu verschreien beabsichtigt, weil ich die Worte Nnv'HNnD D~"a3 rrirrn pst o’tw auffasse, als seien die Frauen überhaupt nicht verpflichtet, das Tischgebet zu verrichten, will ich mich über diese Frage ein wenig auslassen. Die Mischnah hat allerdings das Gegentheil angenommen, doch findet der Talmud durch Gegenüberstellung einer andern Fassung dieses Gesetzes in der Tosefta, daß Frauen streng genommen, denn anders kann man doch Nn"TiN'iö nicht deuten, wenn man nicht, den Begriff „mosaisches Gesetz" im Talmud ganz verkennend, hinter Ascher C. Jechiel zurückgehen will — nicht verpflichtet sind, das Tischgebet zu verrichten. Die Gründe sind nach den Erklärern, weil sie keinen Antheil am Lande haben, weil ihnen die Beschneidung nicht geboten und das Studium der Thora nicht befohlen ist, was Alles in die Danksagung ausgenommen ist. Diese Entscheidung ist von allen Decisoren acceptirt worden, zuletzt von Abraham Danzig in seinem Ritualwerke, welches doch sicherlich von unantastbarer Rechtgläubigkeit ist. Im Uebrigen bildete diese Beziehung nur einen Theil des Beweises für die Behauptung, daß die religiöse Praxis des Judenthums die Frauen wenig oder gar nicht berücksichtigt hat und ich glaube nicht, daß wir unsere Aufgabe fördern, wenn wir das zu leugnen oder zu beschönigen versuchen. Dr. G. Deutsch. Pest, im Januar. Herr Eisig Gräber in Jaroslau, der vor einigen Jahren einen Theil der hebräischen Briefe S. D. Luzzatto's und andere hinterlassene Schriften desselben zum Druck befördert hat, giebt jetzt n nnjN S. L. Rappoport's hebräische Briefe an S. D. Luzzatto heraus und liegen uns die beiden ersten Hefte in schöner Ausstattung vor (Przemysl 1885). Nach dem von Herrn Dr. Jos. Luzzatto, vor mehreren Jahren bearbeiteten Index raisonn4 des livres de Correspondance seines sel. Vaters be-