Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
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69 Partei nicht einen einzigen rechtfertigenden Grund für die! Ausweisungen vorgebracht hätten. Er brachte eine Menge j Einzelheiten vor, aus welchen wir Folgendes hervorheben: I „Wo sind denn die großen Grundsätze der Humanität! und Toleranz geblieben, welche seit Friedrich dem Großen bei uns gelten? Wo war der christlich-sociale Herr Stöcker1 bei unserer Verhandlung? Ich muß Ihnen jetzt noch eine Reihe von Einzelheiten vorführen. (Redner schildert nun ausführlich die Vorgänge in Danzig, wo am 27. August eine große Anzahl von Arbeitern die Ordre erhielten, zum 1. Oktober Preußen zu verlassen; die Maßregel habe eine Reihe von Familien getroffen, deren Häupter nicht einmal polnisch verstanden, die seit Jahren in Danzig wohnten und sich als nützliche Mitarbeiter auf dem Handelsgebiet erwiesen hätten, russische Correspondenten in den Geschäften, Kaufleute, die Waarenlager im Werthe von Hunderttausenden hätten, sollten plötzlich Beziehungen abbrechen und unter den größten Verlusten Danzig verlassen. Schon jetzt hätte dadurch der Handel Danzigs Schaden erlitten. Redner führt einzelne Fälle an, worin auch Solche die Ausweisungsordre betroffen, die mit deutschen Frauen verheirathet seien und eine zahlreiche Familie hätten. Ein ebenfalls mit einer deutschen Frau verheiratheter Manufakturwaarenhändler sei in Folge dieser Ausweisung, weil die Gläubiger ihre Forderungen nicht mehr für sicher hielten und Arrest beantragten, bankerott geworden, und es habe jetzt eine Versammlung der Gläubiger stattgesunden, um die Mittel aufzubringen, daß er sein Leben fristen könne. Auch deutsche Kaufleute hätten in Folge der Maßregel schweren Schaden erlitten. In Breslau sei ein Produktenmakler, obschon er 30 Jahre dort und durchaus mit dem deutschen Wesen verwachsen war, ausgewiesen, obwohl sich einflußreiche Männer, Conservative und Nationalliberale, für ihn verwandt hätten. Selbst die Mutter des früheren Ministers Milde, eine Dame von 80 Jahren, habe die Ausweisungsordre bekommen. (Hört, hört!) In Thorn habe ein jüdischer Kaufmann, der als zweijähriger Knabe nach Preußen gekommen, hier erzogen war, kein Wort polnisch versteht, früher sich habe naturalisiren lassen wollen, dies aber versäumt habe, ebenfalls die Ordre bekommen. Ein Dienstmädchen in Thorn, von einer preußischen Mutter geboren, habe im Sommer die Ausweisungsordre erhalten, sich zum 1. Oktober nach Alexandrowo vermiethet, sei aber an der Grenze wieder aus Rußland zurückgewiesen worden und habe dann glücklicherweise in Thorn wieder bei der alten Herrschaft Unterkunft erhalten. Dort sei sie geblieben, bis sie plötzlich jetzt am 4. Januar auf das Landrathsamt beschieden und nach ihren Sachen gefragt wurde: und als sie aus Furcht, dieselben würden gepfändet werden, erklärte, sie habe nur ein Hemde und ein Kleid, habe man ihr dies zu holen gestattet und sie damit über die Grenze gebracht. Was! aus ihr geworden, sei unbekannt; ihre Sachen liegen bei der j alten Herrschaft. Empört habe ihn ein Artikel aus einem I Blatt, welches leider jetzt tief herabgesunken sei, der „Kölnischen 1Da sei erklärt worden daß der jüdische Zuzug i kein Glück für Deutschland wäre, und daß in dieser Beziehung die Maßregel der preußischen Regierung als eine wohlthätige zu begrüßen sei. Mit solcher armseligen und erbärmlichen Politik (lebhafter Beifall links und im Centrum) wird im Staate Friedrichs des Großen diese Maßregel von der „K.Z." motivirt. Da ist die christlich-sociale Partei doch besser." (Redner verliest den Brief eines Gutsbesitzers aus dem Thorner Kreise, welcher sich über die Schädlichkeit der Maßregel für die deutschen Besitzer äußert.) Abgeord. v. Hammerstein (Redakteur der Kreuzzeitung) beruft sich auf eine Versammlung der ^.Ilianoo isr. univ., an welcher Abg. Ludwig Löwe auch Theil genommen und in der über die Zustände der galizischen Juden und deren Besserung verhandelt worden, und nun wolle man solche galizische Juden nicht ausgewiesen haben? Das Unzutreffende dieser Bemerkung des antisemitischen Helden wurde ihm von Rickert mit beißender Ironie nachgewiesen. Nach dem Urtheile der bedeutendsten Blätter bildete die Rede des Abg. Bamberger ein wahres Meisterstück voll des feinsten Sarkasmen, wohingegen Abg. Singer, welcher zum Schluffe für den sozialdemokratischen Antrag sprach, sich in so heftigen Ausdrücken ausließ, daß er vom Präsidenten zwei Mal zur Ordnung gerufen ward. Mit den Stimmen aller Fractionen gegen die der Conservativen und Nationalliberalen wurde der Antrag des Centrums angenommen, der lautet: „Der Reichstag beschließt, „daß die von der königlich preußischen Regierung verfügten Ausweisungen russischer und österreichischer Unterthanen nach ihrem Umfange und nach ihrer Art nicht gerechtfertigt erscheinen und mit dem Interesse der Reichsangehörigen nicht vereinbar sind." Welche Tragweite dieser Beschluß haben werde, können wir nicht beurtheilen; jedenfalls ist er ein Gegengewicht gegen die vorauszusetzende Beschließung des preußischen Abgeordnetenhauses, in welchem bekanntlich die Conservativen und Nationalliberalen die Mehrheit besitzen. >) ') Eine Milderung in der Ausweisungsmaßregel («Leint uns in folgender Nachricht zu liegen, die wir der Boss. Ztg. entnehmen. Die Zahl der Permanen;- oder Aufenthaltskarten, welche das Polizeipräsidium an hier ansässige, russische Unterthanen vergeben hat, beträgt mehr als 500. Wer durch sein Vorleben keinen Anlaß zur Ausweisung gegeben hatte, erhielt auf seine» Antrag solche vorläufige, gewöhnlich auf die Frist eines Jahres lautende Aufenthaltserlaubniß, die, falls sonst nichts dazwischen kommt, von Jahr zu Jahr verlängert wird. Es giebt außerdem auch russisch-polnische Familie», welche bis heute noch keine Aufforderung zur Abreise erhalten haben, daher auch ohne Aufenthaltskarte hier bleiben dürsen.