Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
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46 Diese letztere lernte ich zum ersten Male auf einer Exkursion kennen, die ich am 9. Juni in die Gruppe des Arz Libnün, das culminirende Massiv des Gebirges, von 'Aineta aus unternahm. Daß Orient und Reinlichkeit Gegensätze sind, wird der Reisende, der den classischen Boden des Heiligen Landes betritt, nur zu bald gewahr. Wenige Orte sind indessen so sehr geeignet, diese Thatsache zu illustriren, als das Dorf Minöra oberhalb des kleinen Hochsees von Jamüneh, der, dem Typus der Dolinenseen des Todten Gebirges oder des Steinernen Meeres entsprechend, überaus malerisch innerhalb der schneegesprenkelten Ostabhänge des ca. 2800 Fuß hohen Dschebel Haswäni eingebettet liegt. Damit zu der Schönheit der Natur das Gegenstück nicht fehle, streitet die Ortschaft von 'Ainöta, was Unreinlichkeit der Wohnungen und ihrer Insassen betrifft, selbst mit den polnischen Dörfern der galizischen Karpathen mit Erfolg um die Palme. Als ich mit meiner kleinen arabischen Begleitung am Morgen des 9. Juni von hier aus um ca. 8 Uhr die Höhe des Cedern-Passes (Dahar el Kadib ca. 2400m) erreicht hatte, überfiel uns ein Nordweststurm plötzlich mit solcher Vehemenz, daß wir bei dem ersten Versuche, die Gratkante zum Mz Daher el Kadib, dem nächstgelegenen Culminationspunkte der Gruppei zu verfolgen, fast herabgeschleudert worden wären und uns endlich trotz des herrlich schönen Wetters zum Abstiege über den Paß nach Bscherreh entschließen mußten. Die Kammlinie des Libanon und Antilibanon scheint heftigen Stürmen überhaupt sehr häufig ausgesetzt zu sein. Ich selbst wenigstens habe niemals einen Berggipfel in Syrien unter andern Verhältnissen betreten. Die Richtung des Windes war dabei meist W. oder NW., nur aus der Spitze des Großen Hermon ca. 2900 m herrschte am 12. April ein starker Oststurm. Aber auch hier ließ die mächtige, nach O. hinausragende Schneewächte auf ein Borwiegen der von W. wehenden Winde schließen. Der Abstieg vom Dahar el Kadib nach Bscherreh führt an dem berühmten Hain der heiligen Cedern vorüber, die heute auf den Aussterbeetat gesetzt, auf die spärliche Zahl von 377 Exemplaren reducirt sind. Wie ein kleiner grüner Punkt erscheint diese ehrwürdige Baumgruppe, deren älteste Repräsentanten noch Inschriften aus den Zeiten der Kreuzfahrer aufweisen, inmitten des weiten Kessels, der den obersten Boden des Kadischathales darstellt, und auf welchen die Hochgipfel des Arz Libnün: Dschebel Haswüni ca. 2800 m, Ms Dahar el Kadib, Tum el Mizrüb und Tum el Kandll (sämmtlich gegen "3000 m) ihre ungeheuren Geröllströme herabsenden, die jede Vegetation ersticken. Auch ein zweiter Versuch auf die höchsten Erhebungen des Arz Libnün am folgenden Tage führte zu keinem vollständigen Erfolge. Diesmal wurde ich schon nahe dem Gipfelkamm des Ras Dahar el Kadrb durch plötzlich hereinbrechendes Unwetter zur Umkehr genöthigt. Doch hatte ich zum Mindesten den wichtigsten Theil meiner Aufgabe insofern gelöst, als mir ein genügender Einblick in die Configuration des Arz Libnan zu Theil geworden war. In physikalisch-geographischer Beziehung bietet sein ausgedehntes Hochplateau insbesondere aus dem Grunde Interesse, als es nicht nur perennirende Schneefelder, sondern einzelne echte Gletscher, freilich nur in einem embryonalen Zustande, aber doch mit gut entwickelten Moränen aufweist. Die Höhe des Dahar ed dubab, der höchsten Spitze des ganzen Libanon, die gleichfalls keine volle hundert Meter das allgemeine Niveau des Plateaus überragen dürfte, nach den englischen Messungen zu 3066 m angenommen, gestattet uns jenes Vorkommen, die gegenwärtige Lage der Schneelinie in diesem Theile von Vorderasien mit rund 3000 m zu fixiren. Daß während der Eiszeit übrigens auch die Gletscher des Libanon eine größere räumliche Ausdehnung besaßen, dafür liegen sowohl in der eigenthümlichen Circussorm des obersten Kadischathales als auch in dem geschlossenenen Moränering am Ausgang desselben Beweise vor. Das vornehmste Ziel meiner Forschungsreisen, der nördliche Antilibanon mit dem complicirten System seiner Verzweigungen der palmyrenischen Ketten, verdient wohl mehr von Seite des Gelehrten als von Seite des Touristen Beachtung. Für den letzteren könnte es höchstens jenen Reiz ausüben, der einem wenig bekannten, vielfach noch jungfräulichen Territorium anzuhaften Pflegt. Denn aus zweierlei Ursachen war das Reisen in jenen Gegenden stets mit Schwierigkeiten verbunden geblieben, einerseits in Folge der weiten Entfernung der Hochgipfel von geeigneten Ausgangspunkten und andererseits in Folge der häufigen Conflicte mit der einheimischen Bevölkerung. Ich habe die Kammhöhe des Antilibanon siebenmal überschritten und speciell im nördlichen Antilibanon drei der bedeutendsten Erhebungen desselben Kuba'aJsnüin 2200, Halimet Küra 2517 m und Harf Rain el Kabsch ca. 2400 m erstiegen.*) Auch diesem Theile des Gebirges ist der Plateaucharakter im eminentesten Sinne des Wortes eigen und tritt nur die glockenähnliche Gestalt des Halimet Küra aus den einförmigen Wellenlinien der Hochfläche energisch hervor. Der Mangel jeglicher Waldvegetation und das Vorherrschen ausgebreiteter Schuttmassen, die nur einer dürftigen Steppenvegetation Raum gewähren, prägen derselben den Charakter einer trostlosen, nur durch die bunte Wirkung der Farben gemilderten Einförmigkeit auf. Größere Anmuth und Mannigfaltigkeit des Reliefs zeigt *) Tala ‘ot Müsa, der Culminationspunkt des nördl. Antilibanon 2659 m hoch und von Burton 187t zum ersten Male erstiegen, stand autzerhalb meines Programmes, da er als Basispunkt für topographische Aufnahmen ungeeignet befunden wurde.