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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-14 · Heft 50 (14.12.1869) · p. Seite 1007

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 50 (14.12.1869)
Date
1869-12-14
Page
Seite 1007 (sequence 11)
Language
German
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1007 Großbritannien. Canterbury, im November. (J. C.) Die Wahl des Alderman Henry Hart .als Bürgermeister von Canterbury scheint mit besonderer Befriedigung in jener alten Kirchenstadt ausgenommen worden zu sein. Alderman Hart war früher Sheriff der Stadt, und obgleich verhältnißmäßig ein junger Mann, ist er doch sehr populär; und der Kentish Chronicle, ein sehr geachtetes Lokalblatt, sagt, daß seine Wahl auf den Sitz des Bürgermeisters als eine Erfüllung des allgemeinen Wunsches angesehen wird. Die jüdische Gemeinde von Canterbury ist sehr alt, und in dieser Stadt liegt ein jüdischer Friedhof, unter dessen geheiligter Erde .die Leichen vieler Mitglieder nicht nur dieser Gemeinde, sondern auch der von Dover und Ramsgate, ruhen. In Canterbury ist eine sehr hübsche Synagoge, in orientalischem Style erbaut. Rußland. Memel, 23. Nov. (Privatmitth.) Ueber den neulich berichteten siebenfachen Mord nahe bei Schoden an der kurländischen Grenze ist der Unterzeichnete jetzt nähere Angaben zu machen im Stande. Vater und Bruder des Mannes, den man daselbst sammt seiner Familie ermordet und mit dem eignen Hause verbrannt hat, waren gestern bei mir und Ersterer erzählte Folgendes: Ich bin einer von den vielen Melamdim (Kinderlehrern) in dem Doppelstädtchen Johannisberg-Skud; da ich aber nunmehr alt und schwach werde und mich nicht mehr ausreichend ernähren kann, so war ich vorzüglich auf die Unterstützung des Gemordeten angewiesen, in welchem ich die einzige Stütze und Hoffnung meines Alters verloren habe. Es war am 3. Oktober unsers Stils an einem Donnerstag Abend, wie gewöhnlich war mein Sohn hereingekommen, um Einkäufe für den Sabbath zu machen und sein Söhnchen, welches ich die Woche über unterrichte, nach Hause zu holen. Gegen seine sonstige Gewohnheit zeigte das Kind wenig Lust mit nach Hause zu gehen und ich bat den Vater, das Kind diesmal da zu lassen, der Vater willigte ein, und diesem Umstande verdankt es sein Leben. Wenige Stunden nachher kam die Nachricht, daß das Haus meines Sohnes brenne. Eine Anzahl Männer eilten mit mir zu dem 4 Werst entfernten Orte und welch ein Anblick ist uns da geworden! Warum Hab ich alter Mann solches erleben müssen! Das mit Stroh gedeckte Haus war bereits niedergebrannt und sieben halbverkohlte Leichen hatte man aus dem Schutt hervorgezogen und lagen da in einer Reihe. Eine furchtbare Vermuthung wurde sofort in uns rege. Wie? am frühen Abend sollte sich nicht eine Person haben retten können? Und diese Vermuthung wurde bald zur schrecklichen Gewißheit; man entdeckte nämlich in dem angrenzenden Garten hinter dem Hause ein blutiges Halstuch, einen Schaumlöffel und an derselben Stelle eine große Blutlache. Die Schwiegermutter meines Sohnes, der das Halstuch gehörte, hatte sich offenbar geflüchtet, und war an dieser Stelle, — auch noch andere Spuren wiesen darauf hin — ermordet und dann in's brennende Haus zurückgeschleppt worden. Gegen Morgen kam auch der Assessor (Polizeiinspector) aus Skud, fing an gewaltig über Unvorsichtigkeit der Juden zu raisonniren und befahl, daß die Leichen sofort beerdigt würden, allein dem widersetzten wir uns allesammt und zwangen ihn dadurch, hinweisend auf das mit Gewißheit anzunehmende Verbrechen, die in unserem Orte stationirten Aerzte zu Rathe zu ziehen, welche mit leichter Mühe an allen Leichen trotz der starken Verkohlung die Spuren des gewaltsamen Todes erkannten. Am meisten waren dieselben an meinem Sohne kenntlich, dem die Vorderzähne ganz fehlten, dessen Schädel mehre Brüche hatte und dessen Gehirn große Verletzungen trug — und an einem Kinde, dessen Aermchen ganz aus dem Gelenke war. Die Unmenschen zeigten mehr Milde gegen das Vieh als gegen die Menschen. Einem Huhn und zweien im Stalle angebundenen Ziegen hatten sie die Freiheit gegeben; freilich konnten die von der Blutthat kein Zeugniß ablegen. Erst am darauffolgenden Dienstag, nachdem der Sprawnik (Landrath) von Telsch sich in's Mittel geschlagen, wurden die Vorbereitungen zur Untersuchung getroffen. Es sind bis jetzt vierzehn Personen als der That verdächtig in Haft gebracht, jedoch vollkommen resultatlos, was nicht zu verwundern, denn weder hat man die Verdächtigen von einander getrennt, noch sucht man zu verhindern, daß alle Welt mit ihnen conferirt und conspirirt. 50*

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