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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-07 · Heft 49 (7.12.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 49 (7.12.1869)
Date
1869-12-07
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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christliche Tischlermeister, während die ersten Drei verhungern, leben die letzten Neun mehr oder weniger im Wohlstände. — Wem nun aber das Glück beschieden ist, nach solchen Städten zu kommen, wo nur jüdische Handwerker vorhanden sind, woran kann Derjenige ihre Tüchtigkeit erkennen? Etwa an den dort ausgeführten Prachtbauten, an den kunstvoll gearbeiteten Möbeln, welche man überall findet, oder an der feinen Garderobe, welche sich dort unseren Augen entfaltet? — Am allerwenigsten werden die Handwerker geschätzt, sie werden im wahren Sinne des Worts mit Verachtung behandelt; bezeichnend dafür ist übrigens die Benennung des Handwerkers — ich meine nicht die Holzhauer oder Eckensteher — mit den Worten Baal Miocho. — Der Scharms einer kleinen Gemeinde bei uns nimmt jedenfalls eine geachtetere Stellung ein, als solch ein Baal Mlocho. — Die deutschen Juden gehen freilich mit dem Holzhauer nicht gern zu Tische, wohl aber kommen sie im socialen Leben mit den verschiedensten Handwerkern täglich zusammen, man findet intelligente Leute und behandelt sie mit der schuldigen Achtung! — Eins muß ich Herrn L. aus vollster Seele beipflichten, das ist Dasjenige, was er über die Rabbinen sagt; diese Männer verdienen in ihrer Thätigkeit die vollste Anerkennung, und besitzen, beiläufig gesagt, mehr Toleranz, als mancher unserer deutschen Rabbinen. — Dagegen theile ich nicht mit Herrn L. die Verehrung des weiblichen Geschlechts, welche er so warm entwickelt, und wenn er schließlich den notorischen Schmutz, in welchem die Menschen förmlich umkommen, — eine kleine Abschweifung von der Aesthetik nennt, — so muß man bei allem traurigen Ernst diese Bemerkung als einen Scherz aufnehmen. — Aber eines wohl beachtenswerten Nebels möchte ich hierbei nicht unerwähnt lassen. Herr L. sagt mit vollem Recht, daß die Frauen oftmals die alleinigen Ernährerinnen ihrer Familien werden; in der That findet man dieses häufig, er verschweigt uns aber den Grund dafür. Wie ist es möglich, daß bei dem Leben eines gesunden Mannes die Frau allein für das kümmerliche Brod sorgen muß? Nun der Mann sitzt im Bett midrasch und — lernt! — An ein geregeltes Leben im Hause, an die Erziehung der Kinder kann selbstverständlich nicht gedacht werden; dafür verkommt dieses aber alles in jenem Schmutz, welcher eine kleine Abschweifung von der Aesthetik ist. — Aus eigenen Erfahrungen könnte ich von dem Leben unserer russischen Glaubensbrüder Bilder entwerfen, von denen der civilisirte Deutsche bei der reichsten Phantasie sich nicht annähernd einen Begriff machen kann, und fragt man sich nach den Ursachen dieser entsetzlichen Mißstände, so giebt es nur eine Antwort darauf: „Es ist die geistige Verkommenheit dieses Volkes." Herr L. hat nun ein Universalmittel vorgeschlagen, wie dem armen Volke zu helfen sei: man möge bei der russischen Regierung die volle unbeschränkte Freizügigkeit erstreben. — Was aber wäre bei der jetzigen Beschaffenheit dieses Volkes zunächst gewonnen? Daß es nicht wie bisher nur im westlichen, sondern auch im südlichen Rußland verhungerte. — Immerhin bleibt es unbestreitbar, daß eine volle unbeschränkte Freizügigkeit eine der vorzüglichsten Errungenschaften wäre. Doch wer in aller Welt besitzt eine so kühne Phantasie, sich einzubilden, die russische Regierung werde noch in diesem Jahrhundert den berechtigten Forderungen der Juden willfahren? — Eher glaube ich, daß wir eine Eisenbahn nach dem Monde fertig bekommen. Will die Allian ce Isr. Univ. eine segensreiche Thätigkeit entfalten, will sie sich ein ewiges Denkmal der Liebe setzen: so errichte sie in allen diesen verkommenen Städten und Städtchen, je nach dem Bedürfniß, gute Freischulen mit gewissenhaften guten Lehrern und nöthigem Schulzwange verbunden; — sie suche auf diese Weise den russischen Glaubens brüdern die Sinne zu wecken und zu veredeln! — Dann wird ein Volk, dem eine so wunderbare Schärfe des Verstandes inne wohnt, sehr bald zur Selbsterkenntniß gelangen und mit der geistigen Waffe sich seine Freiheit selbst erkämpfen! — Tilsit, 15. November 1869. Louis Rosenberg. Druck von 9. B. Hirschfeld in Sechzig.

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