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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-07 · Heft 49 (7.12.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 49 (7.12.1869)
Date
1869-12-07
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
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Zweite Beilage zur Allg. Ztg. d. Judenth. Nr. 4S. Die westrussischen Äu-en — eine nothgedrungene Vertheidigung Unter der vorstehenden Ueberschrift bringt Ihre verehrte Allg. Ztg. d. Judenth. in der Beilage Nr. 45 einen Artikel gegen die Herren Kernowsky, vr. Rülf und Silberstein, welcher die Unterschrift „Julius Lebegott" trägt und trotz der Devise, daß es Pflicht sei, der Wahrheit die Ehre zu geben, so viele irrthümliche Ansichten und Darstellungen enthält, daß ich es mir nicht versagen kann, mich eingehend darüber zu äußern. — Es ist fern von mir, irgendwie gegen Herrn Lebegott persönlich Vorgehen zu wollen, — er ist mein liebenswürdiger Hauswirth, ich komme täglich mit ihm zusammen und fände einen bequemeren Weg, mich mit ihm zu verständigen; damit wäre aber der guten Sache wenig gedient, denn ich kann nicht erwarten, daß Herr L. heute dasjenige widerrufen wird, was er gestern behauptet. — Ebensowenig kann es meine Absicht sein, als Anwalt jener Angegriffenen auftreten zu wollen, da ich die Ehre entbehre, auch nur einen jener Herren zu kennen. — Wenn man aber in Betracht zieht, wie auf der einen Seite Männer unverdient beschuldigt werden, welche in rastloser Thätigkeit für die gute Sache eingetreten, — wie auf der andern Seite Grundübel, welche im Interesse der Sache klar gelegt werden müssen, hier durch schöne Redensarten verdeckt werden, so halte ich es für Pflicht, dieser schädlichen Polemik entgegen zu treten. — Herr L. sagt in seiner Einleitung: das allergrößte Unglück, welches unsere russischen Glaubensbrüder betroffen, das ist die Masse von falschen Urtheilen, Verleumdungen und Gehässigkeiten, die über sie in die Welt hinausgingen, und meint, man verurtheile wegen eines russischjüdischen Vagabonden ein 21/2 Millionen großes Volk.— Nun sage jeder Unbefangene, trifft dieses Unglück wirklich nur die russischen Juden allein? Oder wird ein solches nicht vielmehr von allen jüdischen Brüdern getragen, welche sich auf dem weiten Erdenrund befinden? — Haben wir etwa in unserem civilisirten deutschen Vaterlande nicht täglich mit diesen Vorurtheilen noch zu kämpfen, und würden wir nicht wie unsere russischen Brüder im Elende verkommen, wenn wir nicht im Stande wären, mit der geistigen Waffe die grenzenlosen Borurtheile zu bekämpfen? — Ein Unglück für die russischen Juden ist es, daß ihnen diese geistige Waffe fehlt, und sie werden sie nimmermehr erlangen, wenn außer der talmudischen Gelehrsamkeit ihnen jede andere Wissenschaft fremd bleibt. — Es ist kaum ein Jahr vergangen, als mir dieser selbe Herr L. einen jüd. Gelehrten (p^b) vorstellte, welcher ihn um eine Unterstützung aus der Nothstands- Casse anging; diese wurde ihm gewährt, und als er über den Betrag quittiren sollte, da stellte sich heraus, daß der Mann nicht einmal jüdisch seinen Namen unterschreiben kann. — Derartige Fälle stehen keineswegs vereinzelt da, man gehe nach irgend einem dieser verkommenen russischen Städtchen, deren es bekanntlich recht viele giebt, und man kann sich überzeugen, wie mindestens 2/s der jüdischen Bewohner weder schreiben noch lesen kann, und da behauptet L., die Juden wären ihren Umgebungen in Bildung und Sittlichkeit bei Weitem voraus. — Seit 15 Jahren mache ich recht häufige Reisen nach Rußland, und bei dem regen Interesse, welches ich für die dortigen Brüder stets empfunden, habe ich mich möglichst orientirt und oft eingehend informirt, und auf Grund dieser gemachten Erfahrungen erlaube ich mir zu behaupten, daß die Aeußerungen in der bekannten Berliner Versammlung über die russischen Glaubensbrüder durchaus nicht maßlos übertrieben, am allerwenigsten gänzlich aus der Luft gegriffen sind. — Herr L. hebt es rühmend hervor, daß die dortigen Juden das Uott miärnseli dem Saufen und Spielen vorziehen; nun frage ich: hat der Hausherr, der Ehemann, der Familienvater nicht noch andere Pflichten zu erfüllen, und ist von solchen auch nur eine Spur bei ihnen vorhanden? — Selbstverständlich spreche ich immer von dem Gros der Bevölkerung. — Die jüdischen Handwerker sollen gut und tüchtig, überall geschätzt und gesucht sein. — Wie? — Wenn solche Tugenden und solche Vortheile sich in dem jüdischen Handwerker vereinen, woher kommt es, daß die meisten unter ihnen verhungern? — Die nächste Grenzstadt Tauroggen zählt in der Bevölkerung etwa Juden und 1/3 Christen, unter ihnen sind drei jüdische und etwa neun

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