Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1869)
- Date
- 1869-11-30
- Page
- Seite 958 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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958 Abermals eine Debatte im preußischen Abgeordnetenhanse. (Aus den stenographischen Berichten. Wir hatten in voriger Nr. eine bündige Erklärung des Justizministers auf eine Interpellation des Herrn Dr. Kosch mitzutheilen, durch welche die Ausschließung der Juden auf dem Gebiete der Justiz als beseitigt anzusehen ist. Anders verhält es sich im Bereiche des Unterrichtsministeriums. Jede Thatsache, die hier zu Tage kommt, erweist immer von Neuem, daß Herr v. Mühler keinen Schritt von seinem bisherigen Verhalten abweicht, und daß er selbst da, wo er das Princip zugiebt, faktisch nicht nachgiebt. Jn Nakel war früher zwar nicht auf das wiederholte Ansuchen der jüdischen Gemeinde, aber auf das Verlangen des seitdem verstorbenen evangelischen Pfarrers selbst dem Rabbiner Herrn Dr. Friedmann die Aufsicht über die jüdische Gemeindeschule übergeben worden. Bei dessen Abgang nach Mannheim gab ihm die königl. Regierung Bromberg das Zeugniß treuester Schulpflege. Und die Regierung übergab nun die Schulaufsicht über die jüdische Schule wieder dem evangelischen Pfarrer, und alle Gesuche der Gemeinde, sie ihrem jetzigen Rabbiner, Herrn l)r. Cohn, zu übertragen, blieben fruchtlos. Die Gemeinde wandte sich jetzt an das Abgeordnetenhaus, und diese Petition kam in der Sitzung vom 17. d. zur Verhandlung. Diese ist interessant genug, um hier ausführlich wieder gegeben zu werden. Der Antrag der Commission lautet: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: Die Petition der jüdischen Gemeinde zu Nakel der Königlichen Staatsregierung zur Abhülfe zu überweisen." Es liegt ein Gegenantrag des Herrn Abgeordneten Wantrup vor: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: Ueber die Petition der jüdischen Gemeinde zu Nakel zur Tagesordnung überzugehen." (Aha! links.) Abgeorvneter Dr. Wantrup: Meine Herren! Es ist mir fast peinlich, in dieser Sache das Wort zu nehmen und in einer Frage, welche von der Commission für eine brennende erklärt worden, und welche bereits [ viermal hier im Hause war und der Regierung zur Berücksichtigung und jetzt auch zur Abhilfe überwiesen worden ist, den Uebergang zur Tages-Ordnung vorzuschlagen. Es ist aber, wie Sie bereits aus dem Commissions-Bericht gelesen haben werden, in der Commission selbst mancher Punkt nicht klar genug befunden worden, und da ich über diese noch nicht aufgeklärten Punkte mir spezielle Information verschafft habe, so glaube ich, Ihnen in Kurzem die Sache vortragen zu können, wie sie liegt; es stimmt dies allerdings nicht ganz mit dem überein, was in dem Commissions-Bericht dargelegt ist. In Nakel besteht eine jüdische Schule mit öffentlichem Charakter, welche bis zum Jahre 1860, wie das überall der Fall ist, unter der Inspektion des betreffenden, hier evangelischen Geistlichen stand. Dieser Geistliche hatte früher nichts gegen die Führung der Jnspection zu erinnern gehabt; die Umstände aber, welche ihn nöthigten, im Jahre 1860 um Entbindung von derJnspection über die jüdische Schule zu bitten, will ich hier nicht darlegen. Die Königliche Regierung zu Bromberg ging auf das Bitten des Pfarrers ein, entband ihn von der Jnspection über die jüdische Schule und übergab die Jnspection dem Rabbiner Friedmann. Dieser führte von 1860 bis 1864 die Jnspection zu voller Zufriedenheit der Königlichen Regierung. Im Jahre 1864 ging er ab, und das Rabbinat war zwei Jahre lang unbesetzt. Zuerst wurde der Bürgermeister provisorisch mit der Verwaltung der Jnspection beauftragt; als aber im Jahre 1865 ein evangelischer Pfarrer nach Nakel kam, wurde diesem die Jnspection provisorisch übertragen. Nun könnte die Frage entstehen: warum denn provisorisch? Er war im Jahre 1865 zum PfarrVerweser in Nakel ernannt worden; da er also nicht wirklicher Pfarrer war, konnte ihm die Jnspection auch nur provisorisch übertragen werden. Als im Jahre 1866 der Pfarrverweser Rogge definitiv zum Pfarrer ernannt und in sein Amt als Pfarrer eingeführt wurde, auch inzwischen das Rabbinat zwei Jahre lang unbesetzt gewesen war, und auf die wiederholten Anfragen und Erinnerungen der Königlichen Regierung zu Bromberg, die also durchaus Willes war, auf die Wünsche der jüdischen Gemeinde einzugehen, die Gemeinde doch nicht durch Präsentation eines qualifizirten Rabbiners antworten konnte, wurde natürlich dadurch, daß der Pfarrverweser und provisorische Schulpfleger Rogge inzwischen definitiv Pfarrer geworden war, auch die Jnspeetions-