Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1869)
- Date
- 1869-11-16
- Page
- Seite 936 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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936 Gestatten Sie mit noch zu der mitgetheilten Thatsache folgende Bemerkungen: So sehr ich in vollem Maße die Bestrebungen, unsere Glaubensgenossen in Rußland aus ihrer elenden Lage zu befreien, würdige und anerkenne, so ist doch nicht zu verkennen, daß wahre Hilfe denselben durch zwei Mittel kommen kann: 1. Die Juden in Rußland müssen selbst streben aus der Versunkenheit, in der sie sich befinden, welche Herr Rabbiner Silbermann in seinem Maggid in mehreren Artikeln schilderte lund wir glauben annehmen zu dürfen, daß er dabei blos nr2 rtbyo hat) sich zu erheben. Bekannt ist der Spruch: :iid«--wi oder wie es in der heiligen Schrift heißt: y^nr,' p: p rtfinb N-ip*n. 2. Es muß auf russische Staatsmänner dahin gewirkt werden, daß sie im Interesse Rußlands für eine bessere Stellung der Juden ihren Einfluß geltend machen. Wir zweifeln nicht daran, daß es heute zahlreiche russische Staatsmänner giebt, die auf dem Standpunkte des Herrn v. Uwaroff stehen und dazu die Hand bieten werden, die Juden aus ihrem Elende zu erheben. Es sind heute die russischen Staatsmänner, die in oder außerhalb Rußlands, als Botschafter, Gesandte, Geschäftsträger rc. leben, zugänglicher als dies früher der Fall war und dürfte der Erfolg nicht ausbleiben, wenn nur die gehörigen Mittel angewendet werden. Allerdings ist es mir nicht unbekannt, welcher Geist in Rußland gegen die Juden herrschte und vielleicht noch herrscht. Als Pröbchen mag Folgendes dienen. Bekanntlich wird die Auswanderung der russischen Unterthanen sehr erschwert, wenn nicht fast unmöglich gemacht. Viele derjenigen Russen, die aus ihrer Heimath auswandern wollten, suchten daher das Gesetz zu umgehen und schlichen über die Grenze. Nun bestand das Gesetz, daß insbesondere Juden, die paßlos Rußland, ihre Heimath, verlassen, ipso fyrio die russische Unterthanenschaft verlieren. Dieses war der österreichischen Regierung sehr unangenehm, da sie nicht geneigt war, diese Ueberläufer aufzunehmen, und doch wollten die russischen Grenzbeamten diesen Ausreißern, wenn sie die österreichischen Behörden auslieferten, nicht den Eintritt in Rußland gestatten. Im Tractate vom 26. Juli 1822 zwischen Oesterreich und Rußland wurde im Artikel II. festgesetzt, daß reeiproqm* derartige Auswanderer in ihre Heimath zurückgeschasft werden sollen. Die russischen Grenzbehörden erhielten jedoch keine Instruction und nach wie vor verweigerten sie trotz der Reclamation des österreichischen Gesandten in Petersburg die Wiederaufnahme der über die Grenze geflüchteten russichen Juden. Als im Jahre 1843 der Ukas erschienen, daß die an der russischen Grenze wohnenden Juden sich wenigstens 50 Werst tiefer ins Land zurückziehen müssen, flüchteten sich viele russische Juden nach Oesterreich. Da erhob der damalige Gouverneur von Galizien, Erzherzog Ferdinand, ein Klagegeschrei über die neuen Einwanderer. Nun ließ Fürst Metternich neuerlich wiederholt durch den österreichischen Gesandten bei der russischen Regierung Vorstellungen machen. In Folge dieser Reclamationen wurde endlich im December 1844 Artikel II. des angeführten Tractates in Rußland in Kraft gesetzt. A<1 vorom Metternich sei mir gestattet Folgendes zu bemerken: Bekanntlich mußten bis zum Jahre 1848 fremde Juden, die nach Wien kamen, eine Gebühr für den Aufenthalt bezahlen. Für ausländische Juden war diese Gebühr höher bemessen. Herr Magnus aus Berlin beschwerte sich bei der preußischen Regierung über diese Ungleichheit, und der preußische Gesandte machte deshalb Vorstellungen beim Fürsten Metternich. Dieser wendete sich deshalb wiederholt an den Polizeiminister Sedlnitzky, berüchtigten Angedenkens. Znm letzten Male geschah dieses an dem verhäugnißvollen 24. Februar 1848. In dieser Note heißt es: „Ich kann bei diesem Anlasse nicht umhin, auf den gehässigen Charakter der in Niederösterreich und in Brünn für den Aufenthalt fremder Juden bestehenden Auflage und ihren unliebsamen Eindruck zurückkommen, so wie zugleich den Wunsch auszudrücken, es möge baldthunlichst ausgemittelt werden, wie die diesfalls bestehenden Anordnungen auch in finanzieller Beziehung beseitigt werden könnten." Sedlnitzky wollte darauf nicht eingehen. Einen Monat später waren er und Mettternich von der Revolution weggefegt. Die Juden Nordafrikas. Aus der Feder des berühmten Reisenden Freiherrn v. Maltzan, dem wir außer anderen Werken auch eine Wallfahrt nach Mekka, sowie ein dreibändiges Reisewerk über Norvafrika verdanken, werden wir in kürzester Zeit eine specielle Arbeit über Tunis und Tripolis erhalten. Auch die Verhältnisse der dortigen Juden sind darin besprochen. Wir werden seiner Zeit auf das interessante Werk zurückkommen. Verlag von 2'aumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur . H. Lotze.